Person, die ein Schild in der Hand hält auf dem 'STOP' steht.

Warum Gleichstellungsmaßnahmen Gewalt gegen Frauen reduzieren können

Im Privaten oder im Beruf: Abhängigkeiten und Machtgefälle begünstigen Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Gleichstellungsmaßnahmen können dazu beitragen, diese zu reduzieren und so einen Ausweg für Frauen aus gewalttätigen Beziehungen bieten. Ein Beitrag von Johanna Leibecke zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Anzahl der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt steigt

Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften wird in Deutschland immer häufiger zur Anzeige gebracht, zeigen die Lagebilder zur Häuslichen Gewalt des BKA. 2022 wurden 157.550 Fälle von Gewalt in Partnerschaften zu Anzeige gebracht, im Gegensatz zu 144.044 Fällen im Jahr 2021. Unklar ist jedoch, ob Gewalt gegen Frauen steigt, oder das Dunkelfeld kleiner wird. Für die Erhellung des Dunkelfelds spricht zum Beispiel die Verschärfung des Sexualstrafrechts, da nun mehr Vorfälle die Bedingungen eines Straftatbestandes erfüllen. Außerdem ist das gesellschaftliche Bewusstsein hinsichtlich geschlechtsspezifischer Gewalt und seinen Formen gewachsen. Es gibt jedoch keine aktuellen deutschlandweiten Studien dazu, wie groß das Dunkelfeld tatsächlich ist. Eine Studie aus dem Jahr 2004 ergab, dass mehr als jede dritte Frau seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt hat. Gewalt gegen Frauen wird vor allem durch (Ex-)Partner ausgeübt. (vgl. Müller & Schröttle). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie aus diesem Jahr aus Sachsen. Seit 2017 hat Deutschland das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ (Istanbul Konvention) ratifiziert. Dort ist festgehalten, dass die Verwirklichung der rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern wesentlich dafür ist, dass Frauen vor Gewalt geschützt sind.

Ökonomische Abhängigkeit als gefährdender Faktor in Partnerschaften

Je größer das Machtgefälle zwischen einer Frau und einem Mann, desto weniger Möglichkeiten hat die Frau, sich gegen potenzielle Gewalt zu wehren und desto sicherer kann sich der Mann sein, dass sie es nicht versuchen wird: Für viele Frauen ist es schwer, eine gewalttätige Partnerschaft zu verlassen, wenn sie kein ausreichendes Einkommen haben oder sich keine eigene Wohnung leisten können. Da weit mehr Frauen als Männer unbezahlte Sorgetätigkeiten übernehmen, verfügen sie seltener über genügend Einkommen und entsprechende Alterssicherung, um finanziell unabhängig zu sein. Der Gender Pension Gap beispielsweise liegt in Deutschland bei 49 Prozent. Das zeigt, dass Frauen unter anderem oftmals ökonomisch abhängig von ihren Partnern und so in gewalttätigen Beziehungen gefangen sind. Falls die Frau sich wehrt, haben Männer in machtvollen Situationen oft ausreichend Möglichkeiten, die Betroffene zu diskreditieren.

Machtgefälle am Arbeitsplatz

Auch am Arbeitsplatz können starke Machtgefälle Gewalt begünstigen. Ein Beispiel dafür ist der wissenschaftliche Bereich: Da gerade junge Wissenschaftler*innen abhängig von ihren Vorgesetzten sind, entsteht ein Nährboden für Gewalt. Eine Untersuchung an der RWTH Aachen ergab, dass knapp 40% der befragten Mitarbeiterinnen (im Gegensatz zu 8% der befragten Männer) bereits sexualisierte Gewalt erfahren haben. Eine weitere Studie von UNI-SAFE ergab, dass weit mehr als die Hälfte der Beschäftigten und Studierenden an europäischen Universitäten und Forschungsinstituten geschlechtsspezifische Gewalt erfahren haben. Die Ergebnisse zeigen, dass Befragte, die non-binär sind, sich als LGBQ+ identifizieren, eine Behinderung oder chronische Erkrankung haben oder zu einer ethnischen Minderheit gehören mit einer höheren Wahrscheinlichkeit mindestens einen Vorfall geschlechtsspezifischer Gewalt erleben, als jene, auf die diese Merkmale nicht zutreffen. Als Gründe für die hohe Gewaltprävalenz nennt die Forschung starre Hierarchien, kurze Vertragslaufzeiten, unausgeglichene Geschlechterverhältnisse und ein harscher Wettbewerb. Diese Gründe verstärken Machtgefälle, sodass Betroffene, wenn sie gegen diese Gewalt vorgehen wollen, potenziell ihre Karriere aufs Spiel setzen oder sich zwischen Armut und Gewalt entscheiden müssen.

Gewalt gegen Frauen wird in der Gesellschaft noch nicht ernst genug genommen. Machtgefälle zu beseitigen sollte daher eines der Hauptziele im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sein. Die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern, um Machtgefälle zu beseitigen, ist dafür elementar. Dafür können Diversity-Maßnahmen ein wirksames Tool sein.

Gleichstellung als wirksames Mittel

Untersuchungen haben gezeigt, dass in Unternehmen mit implementierten Diversity-Maßnahmen die Gehaltsdifferenz von Männern und Frauen geringer ist als in Unternehmen ohne Maßnahmen. Zu den Maßnahmen können etwa betriebliche Kinderbetreuungsangebote, gezielte Förderung weiblicher Talente oder die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zählen. Mehr Gehalt führt zu mehr ökonomischer Unabhängigkeit und stärkt so die Autonomie von Frauen. Das reduziert Abhängigkeiten in Paarbeziehungen und Frauen können sich im Fall von Gewalt unabhängig von finanziellen Zwängen trennen. Auch in der Wissenschaft können Gleichstellungsmaßnahmen unausgeglichene Geschlechterverhältnisse verringern und dafür sensibilisieren, wie Hierarchien ausgenutzt werden.

Unterschiedliche Betroffenheit

Jede Frau kann potenziell betroffen sein, und jeder Mann ein Täter sein. Dennoch gibt es Gruppen, die von Gewalt stärker betroffen sind und sich noch schlechter zur Wehr setzen können. Beispielsweise sind Frauen mit Behinderung wesentlich häufiger betroffen. Frauen, deren Aufenthaltsstatus von der Beziehung zu einem gewalttätigen Mann abhängt, können sich nicht trennen, ohne ihren Aufenthaltstitel zu gefährden. Wieder andere Gruppen werden von der Polizei oder der Justiz weniger ernst genommen, als weiße Frauen aus bürgerlichem Milieu. Gleichstellungsmaßnahmen in Unternehmen und der Wissenschaft können einen Unterschied machen. Dennoch braucht es mehr, um Gewalt gegen Frauen effektiv zu bekämpfen.

Was tun?

Dafür sind Maßnahmen auf persönlicher, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene von großer Bedeutung. Indem wir uns gegen sexistische Verhaltensweisen und Einstellungen aussprechen, Gleichstellungsmaßnahmen in Organisationen fördern und politische Maßnahmen zur Förderung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen ergreifen, können wir aktiv dazu beitragen, eine gerechtere und sicherere Gesellschaft für alle zu schaffen.

Das gesellschaftliche Bewusstsein muss gestärkt werden, Ressourcen müssen bereitgestellt werden. Dabei kann es nicht nur um mehr Frauenhausplätze und besser ausgebaute Beratungsangebote gehen, da diese erst greifen, wenn die Gewalt schon stattgefunden hat. Es braucht Prävention, um Gewalt gegen Frauen und andere marginalisierte Geschlechter von vornherein zu verhindern.

Seit 1981 ist der 25. November der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, seit 1999 wird der Tag offiziell von der UN unterstützt. Der Tag soll daran erinnern, dass die Realität für viele Frauen weiterhin von physischer, sexueller und psychischer Gewalt geprägt ist.

Veröffentlicht am: | Autorin : Johanna Leibecke

Autorin
Johanna Leibecke

Johanna Leibecke ist Studentische Mitarbeiterin in der Öffentlichkeitsarbeit.

Mehr über Johanna Leibecke.

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