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Transkulturalität: Einander ohne kulturelle Vorurteile begegnen

Wie kann eine transkulturelle Perspektive helfen, sich jenseits von Kategorien, Klischees und Vorurteilen zu begegnen? Junior Expert Vera Andreh ist viel in internationalen Kontexten unterwegs, lebte selbst mehrere Jahre in Brasilien und erlebt gerade auch im Alltag in Deutschland immer wieder, wie kulturelle Vorurteile Begegnungen beeinflussen. Sie plädiert für den Ansatz der Transkulturalität und zeigt, wie dieser Kultur von Herkunft trennt und warum er so wichtig ist. 

Im Oktober reiste ich für einen Urlaub zurück an meinen ehemaligen Wohnort in Brasilien. Die Diskussion um die Unterschiede zwischen der eigenen Kultur und den Menschen der „anderen“ Kultur startet bereits im Flugzeug. Meine Sitznachbarin aus Deutschland war noch nie in Brasilien, betont aber, dass „die Brasilianer*innen alle so nett, glücklich und hilfsbereit seien“.

Diese Aussage ist ein Beispiel dafür, dass die kulturelle Identität und die Eigenschaften von Menschen oft mit ihrer Herkunft gleichgesetzt werden. Stereotype Thesen, wie sie die Frau über „die Brasilianer*innen“ aufstellt, sind nicht selten. Um Informationen möglichst schnell und effizient verarbeiten zu können, vereinfacht und kategorisiert das menschliche Gehirn den einkommenden Input automatisch. Dabei kann es allerdings passieren, dass wir einzelne (äußere) Merkmale einer Person überbetonen und daran gewisse Vorurteile oder Stereotypen knüpfen. Herkunft greifen wir nicht selten als Erklärungsansatz für die (vermeintliche) Identität und das Verhalten von anderen auf.

Vorurteile und Zugehörigkeiten

In zwischenmenschlichen Begegnungen suchen wir nach weiterer Bestätigung unserer Vorurteile, wobei wir besonders viel Aufmerksamkeit auf Unterschiede richten. Auch, wenn nicht alle Vorstellungen negative Bilder enthalten, sondern wie im vorherigen Beispiel auch positiv erscheinen können, haben sie alle dennoch Folgen für unser Umfeld.

Denn: Diese Bilder und Vorstellungen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden erzeugen Zugehörigkeiten und Nicht-Zugehörigkeiten aufgrund von Herkunft. Wie in unserem Beispiel werden „die Deutschen“ von „den Brasilianer*innen“ abgegrenzt. Dabei reproduziert meine Sitznachbarin Vorurteile und eine Vorstellung von Zugehörigkeit, die in unserer Gesellschaft bestehen und verhandelt werden.

Transkulturalität als Kulturverständnis jenseits von Herkunft

Transkulturalität ist ein Konzept, welches sich kritisch damit auseinandersetzt, wie Menschen durch den Kulturbegriff in Kategorien eingeordnet und Zugehörigkeiten verhandelt werden. Es wurzelt in den Gedanken von Autoren wie Fernando Ortiz, der den Begriff "Transculturación" (1940) einführte und Wolfgang Welsch, der den Begriff "Transkulturalität" im deutschsprachigen Raum (2002) prägt.

Transkulturalität kritisiert, dass im Gespräch über Kulturen Gruppen oder Personen als „anders“ beschrieben werden und dies nicht selten mit einer Wertung einhergeht. Besonders oft lässt sich dies in Debatten rund um Migration beobachten.

In diesem Kontext wird zumeist auf die Vorstellung Bezug genommen, ganze ethnische Völker und/oder Religionsgemeinschaften würden einer kulturellen Gemeinschaft angehören und Verhaltensweisen von Personen seien aufgrund einer „kulturellen Zugehörigkeit“ zu ihrer ethnischen Gruppe zu begründen. So wie im oben genannten Beispiel „alle Brasilianer*innen“ allein deswegen „nett und lieb“ sind, weil sie Brasilianer*innen sind. Oder aber auch wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft unterstellt wird, sie wären aggressiver und krimineller als Deutsche. Wenn Menschen als Folge dieses Othering abgewertet und ggf. sogar diskriminiert werden, und kulturelle Differenzen zwischen ethnischen Gruppen überbetont werden, ist das Kulturalismus (oder auch kultureller Rassismus).

Dieser Form von Rassismus setzt das Konzept der Transkulturalität etwas entgegen: Es hebt die Vorstellung von homogenen, in sich geschlossenen und allein an Herkunft geknüpfte Kulturen auf. (Kulturelle) Identität wird also nicht durch Ländergrenzen bestimmt. Stattdessen wird anerkannt, dass wir beispielsweise in Deutschland in einer Gesellschaft leben, die weltweit vernetzt und stark durch Zuwanderung geprägt ist. Als Folge sind unsere Lebensweisen vor allem durch Austausch, Vielfalt und kulturelle Mischformen geprägt.

Dies ermöglicht uns, zeitlich und räumlich unabhängig an verschiedenen Kulturen und Lebensräumen teilzuhaben. Wir können beispielsweise in der Türkei geboren, Deutsch, Anwältin und Atheistin sein, in der Freizeit Capoeira und Yoga praktizieren und sowohl Türkisch als auch Deutsch als erste Sprache haben. Oder aber wir sind jüdisch, queer und feiern jedes Jahr das Oktoberfest als lange Tradition mit Freund*innen und Familie.

Kulturelle Zugehörigkeit als Selbstdefinition

Menschen in starre Kulturen einzuordnen und ihnen bestimmte Eigenschaften – seien sie positiv oder negativ – aufgrund ihrer Herkunft zuzuschreiben, hat also vielfältige Auswirkungen. Sich diesen Auswirkungen bewusst zu werden, ist ein erster Schritt für eine transkulturelle Perspektive.[1]

Ein Brasilianer, den ich auf meiner Reise treffe, erzählt mir, er fühle sich durch vorurteilsbehaftete Bilder sehr stark unter Druck gesetzt, diesen zu entsprechen. Er habe länger in Deutschland gelebt und sich als introvertierter Mensch sehr unwohl damit gefühlt, dass viele von ihm erwarteten, immer gesprächsbereit, gut gelaunt und ein guter Tänzer zu sein.  Ein anderer brasilianischer Freund erzählt davon, dass er in einer Strandbar in Deutschland gearbeitet hat und dort trotz vielfältiger Gastroerfahrungen vor allem als Reinigungskraft eingesetzt wurde. Ausnahmen waren die sogenannten „Latino Nights“, bei denen er als Barkraft eingesetzt wurde, um Caipirinhas zu mixen.

Dabei sollten Menschen selbst bestimmen können, wie sie sich identifizieren (wollen). Nur sie selbst wissen, welche kulturelle Identität sie in sich haben und wie viel Rolle dabei Herkunft, Religion oder Ethnizität spielt und wie sie diese ausleben (wollen).

Auf der Rückreise denke ich darüber nach, was es für mich bedeutet, Deutsch zu sein. Es ist zunächst das Umfeld, in das ich reingeboren wurde. Für mich hängen damit keine Werte zusammen, sondern vor allem Auswahlmöglichkeiten und Optionen, die sich durch meine Kontextbedingungen ergeben. Deutsch zu sein bedeutet für mich zum Beispiel, dass mein deutscher Pass mir erlaubt, viel reisen und sogar im Ausland leben zu können. Viel reisen zu können, ist aber nicht für alle Deutschen möglich. Erst das Zusammenspiel aus meiner Herkunft, meiner sozialen Klasse, den Privilegien, weiß zu sein, und nicht von Queerfeindlichkeit betroffen zu sein. Mein Interesse an Sprachen und meine Reiselust haben dazu geführt, dass ich tatsächlich auch so viel von meinem Reisepass Gebrauch gemacht habe.

Herkunft allein sagt also erst einmal wenig über meine Erfahrungen und meine Entscheidungen aus, und noch weniger über meine Persönlichkeit oder mein Verhalten. Wie bei allen Menschen ist meine Identität sehr viel individueller, vielfältiger und komplexer als von außen vielleicht angenommen wird.

Reflexionsfragen für transkulturelle Begegnungen

Um in zwischenmenschlichen Begegnungen kulturelle Identität von der (vermeintlichen) Herkunft einer Person zu trennen, können folgende Reflexionsfragen helfen:

  • In welchem Kontext findet die Begegnung und das Verhalten einer Person statt? Welche (weiteren) Faktoren außer Herkunft oder Religion können für das Verhalten eine Rolle spielen?
  • Wie identifiziert sich die Person selbst?
  • Sind die vorhandenen gesellschaftlichen Vorurteile über die Herkunft oder Migrationshintergrund der Person eher positiv oder negativ besetzt? Welche Folgen hat das für meinen Umgang mit der Person?
  • Werte ich mich selbst unbewusst durch die Abgrenzung zur „Kultur der anderen Person“ auf?
  • An wen denke ich, wenn ich meine eigene Kultur oder die „andere“ Kultur beschreibe? Wen schließe ich dabei aus?

[1] In diesem Artikel wird die zwischenmenschliche Begegnung als Individuen in den Fokus genommen. Dass auch Staaten, Medien und politische Akteur*innen stark daran beteiligt sind, Zugehörigkeiten zu verhandeln, liegt außerhalb des Umfangs dieses Artikels. Für interessierte Leser*innen empfehlen wir: „…weil ihre Kultur so ist“ von Yasemin Shooman.

Quelle: Dengscherz / Cooke (2020): Transkulturelle Kommunikation. Verstehen, Vertiefen, Weiterdenken. München: UVK Verlag.

Veröffentlicht am: | Autorin : Vera Andreh

Autorin
Vera Andreh

Vera Andreh ist Expert in den Bereichen Akademie und Organisationsentwicklung.

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