
Wirtschaftliche Eigenständigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Sie ermöglicht Menschen, eigene Lebensentscheidungen zu treffen und ihre Interessen selbstbestimmt zu vertreten. Sie spielt zudem eine wichtige Rolle bei der Prävention und Bewältigung von Gewalt, da finanzielle Abhängigkeiten den Ausstieg aus belastenden oder gewaltvollen Beziehungen erschweren können.
Doch insbesondere die wirtschaftliche Gleichstellung der Geschlechter ist noch längst nicht erreicht. Das hat nicht nur negative Folgen für die Wirtschaft in Deutschland, sondern kann auch die unmittelbare Sicherheit und Unversehrtheit von Frauen bedrohen. Ökonomische Abhängigkeit kann das Risiko erhöhen, in gewaltvollen Beziehungen zu verbleiben, und erschwert Betroffenen häufig den Ausstieg aus Gewaltverhältnissen.
Frauen verdienen im Durchschnitt immer noch 16 Prozent weniger als Männer (Statista, 2025). Laut Statistiken sind 46,9 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland Frauen, doch nur 29 Prozent aller Führungskräfte sind weiblich (Destatis, 2026). Ein großer Teil der erwerbsfähigen Frauen arbeitet in Teilzeit. Der Gender Lifetime Earning Gap beträgt 45 Prozent (Bönke et al., 2020).
Mit Blick auf die aktuellen Debatten in der Rentenpolitik, ist es besonders interessant, sich den Gender Pension Gap anzuschauen, dieser beträgt in Deutschland derzeit 27 Prozent (Destatis, 2024). Frauen erhalten im Durchschnitt beinahe ein Drittel weniger Alterseinkünfte als Männer. Dies hängt unter anderem mit geringeren Erwerbseinkommen, häufigeren Erwerbsunterbrechungen sowie der ungleichen Verteilung unbezahlter Sorgearbeit zusammen (Weßler-Poßberg, Ehrentraut, 2025).
Wie wirkt die wirtschaftliche Abhängigkeit?
Was aber viel entscheidender ist, sind die prekären Situationen, in denen sich viele Frauen durch Abhängigkeit in ihren Paarbeziehungen befinden. Die Wohnung und den Lebensunterhalt finanzieren zu müssen, bindet viele Frauen unfreiwillig an ihre Partner*innen, was insbesondere in Hinblick auf den Schutz vor häuslicher Gewalt gefährlich ist. Jeden Tag werden in Deutschland mindestens zwei Frauen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdeliktes. Der Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter gab darauf bezugnehmend im ZDF-heute journal den sarkastischen Ratschlag an alle Frauen, doch besser keine Beziehung mit einem Mann einzugehen, weil dies das Risiko, Opfer von physischer oder psychischer Gewalt zu werden, deutlich erhöhe.
18 Prozent aller Frauen erleben in ihrem Leben Gewalt innerhalb ihrer Paarbeziehungen. Diese Zahl allein ist beunruhigend, wird aber wesentlich alarmierender, wenn man sich dazu bewusst macht, dass nur weniger als fünf Prozent aller Fälle angezeigt werden (LeSuBiA, 2026). Aus Angst schweigen viele Betroffene und bleiben in ihren gewaltvollen Beziehungen – auch weil es ihnen finanziell nicht möglich ist, die gemeinsame Wohnung zu verlassen.
Intersektionale Perspektive differenziert die Analyse
Wirtschaftliche Benachteiligung kann dazu beitragen, dass Frauen geringere Handlungsspielräume haben, um sich vor Gewalt zu schützen oder gewaltvolle Beziehungen zu verlassen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist nicht nur ein Grund-, sondern auch ein Menschenrecht.
Außerdem ist die klassistische Dimension ökonomischer Ungleichheit zentral für ihre Einordnung. Frauen sind in unterschiedlichem Ausmaß von wirtschaftlicher Abhängigkeit betroffen. Welche Folgen diese Abhängigkeit hat und wie sich daraus entstehende Gewalt äußert, hängt wesentlich von der jeweiligen sozioökonomischen Position ab.
Kürzlich sprach auf der re:publica 2026 bei einer Veranstaltung mit der Autorin Mareice Kaiser eine Arbeiterin darüber, dass sie durch einen Streik eine Gehaltserhöhung von 200 Euro erkämpfen konnte. Diese 200 Euro waren ausschlaggebend dafür, dass sie ihren gewalttätigen Partner verlassen konnte. Die ökonomische Herkunft prägt wesentlich, wie Frauen wirtschaftliche Abhängigkeit erleben, welche Konsequenzen diese für ihren Alltag hat und welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Ökonomische Ungleichheit wirkt daher nicht für alle Frauen in gleicher Weise. Während Frauen, die von Armut betroffen sind und klassistische Diskriminierung erfahren, häufig stärker von den Folgen wirtschaftlicher Abhängigkeit betroffen sind, verfügen Frauen mit höherem Einkommen oder privilegierter ökonomischer Herkunft oftmals über andere materielle Handlungsspielräume, um sich aus gewaltvollen Paarbeziehungen zu lösen.
Was wird bereits getan?
Aktuell arbeitet die Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) an einem Gesetzesentwurf, um das Trennungsjahr im Fall von häuslicher Gewalt abzuschaffen (tagesschau, 17.05.2026). Momentan ist es nur in speziellen Sonderfällen möglich, auf das vorgeschriebene Trennungsjahr zu verzichten. Durch das Gesetz sollen Frauen, die in ihrer Partnerschaft Gewalt erleben, nicht noch ein Jahr warten müssen, um sich von dem Täter trennen zu können.
Außerdem wird an der Umsetzung des Gewalthilfegesetzes des Bundes gearbeitet (Bundestag, 2025). Angrenzende Hilfesysteme wie Beratungsstellen und Bildungsprojekte sollen mit finanziellen Mitteln unterstützt und ausgebaut werden. Das ist angesichts der Kürzungen im Bildungsbereich, die beispielsweise die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V. (BIG Prävention) betreffen, fundamental notwendig. Frauen sollen ein Recht auf Schutz bekommen. Entsprechend müssen Schutzräume und Frauen*häuser als Zufluchtsorte ausgebaut und erweitert werden. Weiterhin sieht das Gesetz Maßnahmen zur Aufklärung über häusliche Gewalt und Hilfsangebote vor.
Dennoch bekämpfen diese wichtigen Ansätze nur die Folgen und gehen nicht ausreichend die (wirtschaftlichen) Ursachen von Gewalt gegen Frauen an.
Hierzu gibt es den „Strategierahmen zur ökonomische Gleichstellung 2030“ vom Bundesfamilienministerium, in dem es explizit heißt: „Gleichberechtigung ist materiell zu verstehen“ (Sacksofsky, 2025). Um diese Gleichstellung zu erreichen, gilt es, tradierte Rollenbilder zu überwinden, negative Anreize für die Erwerbstätigkeit von Frauen (vgl. Ehegattensplitting) abzuschaffen und unbezahlte Care-Arbeit nicht nur mit Lohnarbeit vereinbar zu machen, sondern auch gerecht zu verteilen.
Der Strategierahmen benennt das ansonsten resultierende Problem konkret: „konomische Abhängigkeit produziert weitere Abhängigkeiten” (BMBFSFJ, 2025). Deshalb stellt die ökonomische Eigenständigkeit für Frauen einen, wenn nicht den, wichtigsten Grundpfeiler für ein unabhängiges, selbstbestimmtes, freies und sicheres Leben dar.
Ökonomische Ungleichheit ist selbst Gewalt
Zusätzlich dazu, dass viele Frauen körperlicher Gefahr durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit ausgeliefert sind, kann ökonomische Ungleichheit selbst auch eine Form von Gewalt bedeuten. Nicht zuletzt deshalb, weil sie im konkreten Fall oft im Zusammenhang mit sexualisierter oder körperlicher Gewalt auftritt (Walby, 2017, Verfassungsblog, 2025).
Durch die Kontrolle der Finanzen, wird es Frauen gezielt erschwert, Beziehungen zu gewalttätigen Partner*innen zu beenden, der körperlichen Gewalt zu entkommen und selbstbestimmt zu leben. Obwohl diese Form der Gewalt in der Istanbul Konvention, die Deutschland 2017 ratifiziert hat, explizit aufgegriffen wird, findet sie in der theoretischen Auseinandersetzung, sowie bei der Etablierung wirksamer Maßnahmen kaum Beachtung. In der Konvention wird Gewalt als „alle Handlungen […], die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden bei Frauen führen“ definiert (Istanbul Konvention, 2018).
Patriarchale Gewalt und strukturelle Diskriminierung von Frauen, insbesondere die ungleiche wirtschaftliche Eigenständigkeit, sind ein Gewaltproblem. Diese strukturellen Ungleichheiten, sind mitverantwortlich dafür, dass Frauen körperlichen, digitalen oder sexuellen Gewaltsituationen ausgesetzt sind. Die ökonomische Selbstbestimmung ist entscheidend dafür, dass die Menschenrechte von Frauen durchgesetzt und eingehalten werden können.
Genau deshalb ist es wichtig, dass die wirtschaftliche Eigenständigkeit aller Geschlechter weiterhin erkämpft und verteidigt wird. Es geht vor allem darum, vulnerable Gruppen vor Gewalt zu schützen und die längst verhandelten Rechte von Frauen, die nicht zur Debatte stehen dürfen, einzuhalten und nicht weiter einzuschränken.
Mehr Infos zum Thema:
Weitere Informationen zum Thema ökonomische Eigenständigkeit bietet die Aktionswoche „Finanziell auf eigenen Füßen stehen: Die bundesweite Aktionswoche 2026“ des Bundesfamilienministeriums.
Literaturverzeichnis:
ARD Mediathek (15.05.2026): Gleichberechtigung – Sind wir gleichberechtigt? Verfügbar unter: ARD Mediathek Zugriff: 29.05.2026.
Bertelsmann Stiftung (2020): Wer gewinnt? Wer verliert? Die Entwicklung und Prognose von Lebenserwerbseinkommen in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Zugriff: 29.05.2026.
Bundeskriminalamt (BKA) – LeSuBiA (2026): Themenheft I: Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA) I“ - Gewalterfahrungen innerhalb und außerhalb von (Ex-)Partnerschaften Wiesbaden: Bundeskriminalamt. Zugriff: 29.05.2026.
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Strategierahmen 2030 (2025): Strategierahmen für die ökonomische Gleichstellung 2030. Berlin: BMBFSFJ. Zugriff: 29.05.2026.
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Gewalt gegen Frauen (2018): Gesetz zu dem Übereinkommen des Europarats vom 11. Mai 2011 (Istanbul-Konvention) Berlin: BMBFSFJ. Zugriff: 29.05.2026.
BMBFSFJ PDF – Dauerhaft ungleich (2016): Dauerhaft ungleich: Berufsspezifische Lebenserwerbseinkommen von Frauen und Männern in Deutschland. Berlin: BMBFSFJ. Zugriff: 29.05.2026.
Deutscher Bundestag PDF (2025): Zur Umsetzung des Gewalthilfegesetzes durch die Länder. Berlin: Deutscher Bundestag. Zugriff: 29.05.2026.
Destatis – Frauen im Erwerbsleben (2026): Teilhabe von Frauen am Erwerbsleben. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. Zugriff: 29.05.2026.
Destatis – Gender Pension Gap (2026): Gender Pension Gap. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. Zugriff: 29.05.2026.
JSTOR Kapitel – Conceptualising Violence and Gender: Walby, Sylvia et al.: Conceptualising Violence and Gender (2017). In: The Concept and Measurement of Violence. Bristol: Bristol University Press, S. 31–56. Zugriff: 29.05.2026.
Statista – Gender Pay Gap in Deutschland (2026): Gender Pay Gap: Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen in Deutschland von 2000 bis 2024. Hamburg: Statista. Zugriff: 29.05.2026.
Statista – Gewalt gegen Frauen (2026): Häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen in Deutschland – Daten & Fakten. Hamburg: Statista. Zugriff: 29.05.2026.
Tagesschau – Scheidungsrecht (2025): Hubig will Änderungen beim Scheidungsrechts. Hamburg: tagesschau.de. Zugriff: 29.05.2026.
Verfassungsblog – Ökonomische häusliche Gewalt (2025): Ökonomische häusliche Gewalt. Berlin: Verfassungsblog. Zugriff: 29.05.2026.
ZDF – Unbubble (o. J.): Unbubble. Mainz: ZDF. Zugriff: 29.05.2026.
Kontakt
Wenden Sie sich gerne an die zuständige Ansprechperson:
Anne Reich
Praktikantin

Weitere Einträge in unserem Blog

Was ist Awareness?
Subscribe
the EAF Berlin newsletter
Stay up to date





