Damit Betroffene nicht allein bleiben: Active Bystanding als kollektive Verantwortung

Es ist mutig, sich mit der eigenen Gewalterfahrung an die Öffentlichkeit zu wenden und sich verwundbar zu zeigen. Mehr noch: auszuhalten, dass mit diesem Schritt die Klickzahlen zu gefälschten Nacktbildern, KI-generierten pornografischen Inhalten oder Deepfakes nicht nur zeitgleich in die Höhe schnellen, sondern die eigene Erfahrung auch noch angezweifelt wird. Und ja, dieser Mut hat Vorbildcharakter für all jene, die tagtäglich sexualisierte Gewalt erfahren – ob online oder offline. Der Preis, den Betroffene zahlen, wenn sie sich mitteilen, ist hoch und geht sowohl mit emotionalen als auch gesundheitlichen Folgen einher. Idealerweise sollten sich noch viel mehr Betroffene von Gewalt öffentlich äußern, sich Freund*innen, Familie oder Bekannten anvertrauen und Straftaten zur Anzeige bringen, damit die Dunkelziffer sinkt und Gewalt nicht mehr weiter hinter verschlossenen Türen stattfindet.
Kollektive Verantwortung und aktive Solidarität
Aber was ist eigentlich mit einer kollektiven Verantwortung in einem System, das sexualisierte Gewalt immer wieder toleriert, darüber hinwegsieht oder als tragische Einzelfälle bagatellisiert? Welche strukturelle Verantwortung tragen Politik, Justiz und Medien, aber auch Organisationen und gesellschaftliche Institutionen? Was ist die Verantwortung der Gesellschaft, des näheren Umfelds, der Kolleg*innen? Was kann ich selbst tun, um meinen Teil dazu beizutragen?
Vielleicht diesen kurzen Blogbeitrag formulieren? Vielleicht kann ich, sofern meine eigene Situation es zulässt, an einer öffentlichen Demonstration teilnehmen oder mich einer bestehenden Initiative anschließen? Das klingt erst einmal machbar. Aber was ist, wenn es konkret wird? Was, wenn mir sexualisierte Gewalt im Arbeits- oder Ausbildungskontext oder im Freundeskreis begegnet und ich mitbekomme, dass ein*e Kolleg*in, ein*e Kommiliton*in, ein*e Freund*in oder eine mir nicht bekannte Person betroffen ist? Was kann ich dann tun, um nicht in regungslose Ohnmacht zu verfallen, sondern zu unterstützen?
Im Projekt „Active Bystanding: Intersektionaler Diskriminierung und sexualisierter Gewalt an Universitäten und Hochschulen begegnen“, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird, schauen wir uns gemeinsam mit unseren Kooperationspartner*innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Kompetenzstelle „i-PÄD – intersektionale Pädagogik“ genau dieses Dilemma im Hochschulkontext genauer an und beleuchten die Möglichkeiten eines präventiven Ansatzes, der Verantwortung, übergriffigem Verhalten zu begegnen, sind breiter verteilt, statt sie allein auf den Schultern der betroffenen Person zu legen.
Denn selten ist das keineswegs: Trotz ihres Bildungsauftrags und des Anspruchs auf Chancengleichheit sind Hochschulen nicht frei von Diskriminierung und sexualisierter Gewalt. Eine Befragung an der Charité Berlin zeigt, dass 49,6 % der Studierenden Diskriminierung erlebten, überwiegend in sexistischer Form (71 %), und 23,6 % von sexueller Belästigung berichteten (Ludwig et al. 2022). Ähnliche Ergebnisse liefert die europäische UniSAFE-Studie (2022): 62 % der Befragten erfuhren geschlechtsspezifische Gewalt, vor allem psychologische Gewalt (57 %) und sexuelle Belästigung (31 %). Besonders betroffen sind Frauen, nicht-binäre Personen und marginalisierte Gruppen. Auch ein Bericht des European Research Area and Innovation Committee (2020) zeigt, dass 22 % der Frauen im Hochschulkontext physische oder sexualisierte Gewalt erleben, wobei Machtungleichgewichte eine zentrale Rolle spielen. Insgesamt wird aus dieser Studienlage deutlich, dass sexualisierte Gewalt im Hochschulkontext ein strukturelles Problem darstellt.
Wie kann also nicht nur die Scham, sondern auch die Verantwortung die Seite wechseln oder zumindest besser verteilt werden? Wie kann statt ständiger Selbstverteidigung von Betroffenen mehr Solidarität im Alltag, am Arbeitsplatz oder in Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen entstehen?
Was sind Active Bystander*innen?
Ein Active Bystander ist eine Person, die eingreift, wenn sie diskriminierendes, beleidigendes oder grenzüberschreitendes Verhalten beobachtet – auf eine Weise, die zur Situation und zur eigenen Rolle passt.
- Active Bystander*innen greifen ein: Werden sie Zeug*innen von Diskriminierung, entscheiden sie sich bewusst, etwas zu sagen oder zu tun, anstatt die Situation geschehen zu lassen und passiv zu bleiben.
- Active Bystander*innen setzen klare Signale: Sie machen Täter*innen ebenso wie allen Anwesenden deutlich, dass diskriminierendes Verhalten inakzeptabel ist. Werden solche Botschaften in Gemeinschaften kontinuierlich verstärkt, können sich die Grenzen dessen verschieben, was als akzeptables Verhalten gilt.
- Active Bystander*innen handeln sicher und informiert: Sie wissen, wie sie eine Situation ansprechen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, und kennen die fünf „D’s“ des Active Bystanding: Ablenken (Distraktion), Direktes Handeln, Delegieren, Nachsorge („Danach“) und Dokumentieren.
Zugleich schließt der Ansatz an bereits etablierte Schutz- und Präventionslogiken gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt in Organisationen an und richtet sich dabei an Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Funktionen – wie eben beispielsweise im Hochschulkontext an Wissenschaftler*innen, Studierende, Lehrende oder Personen, die in der Verwaltung tätig sind.
Aber auch im Unternehmenskontext lässt sich der Ansatz Active Bystanding mit bestehenden Formaten zu Awareness, Gleichstellungs- oder Antidiskriminierungsarbeit sowie übergreifenden betrieblichen Strategien kombinieren, um Betroffene nicht allein zu lassen, sondern Solidarität am Arbeitsplatz tagtäglich und auf kollegialer Ebene zu leben. Wer sich für die betriebliche Perspektive interessiert, dem sei das Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ ans Herz gelegt. Hier haben sich mittlerweile über 900 Organisationen und Unternehmen zusammengeschlossen, um entschlossen gegen Sexismus vorzugehen. Aber zurück zur individuellen Ebene.
Jetzt liegt es also auch an mir und euch: hinzusehen, zuzuhören, anzusprechen, Hilfe anzubieten und kollektive Verantwortung zu übernehmen, statt einzig den Mut von Betroffenen zu beklatschen und dann wieder wegzuschauen.
Quellen
- Ludwig, K., Salmen, A., & Heesen, C. (2022). Diskriminierung und sexuelle Belästigung an der Charité – Ergebnisse einer Online-Befragung. Das Gesundheitswesen, 84(01), 42–48. https://doi.org/10.1055/a-1339-1116
- UniSAFE Consortium. (2022). Gender-based violence in research and higher education institutions: Final study report. European Commission. https://unisafe-gbv.eu/results/study-report/
- European Research Area and Innovation Committee (ERAC), Standing Working Group on Gender in Research and Innovation (2020): Sexual Harassment in the Research and Higher Education Sector – National Policies and Measures in EU Member States and Associated Countries.
Kontakt
Wenden Sie sich gerne an die zuständige Ansprechperson:
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