Sexismus in der Baubranche: Wie Unternehmen Fachkräfte halten
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Offene Stellen bleiben unbesetzt, Ausbildungsplätze frei, Aufträge werden abgelehnt: Kaum eine Branche spürt den Fachkräftemangel so stark wie das Bau- und Handwerksgewerbe. Um dem entgegenzuwirken, rückt eine in der Branche bislang unterrepräsentierte Zielgruppe stärker in den Fokus: Frauen. Doch Rekrutierung allein löst das Problem nicht. Entscheidend ist, was passiert, wenn sie im Betrieb angekommen sind.
Sexismus am Arbeitsplatz: Was die Zahlen zeigen
Die aktuelle repräsentative Studie des Bündnisses „Gemeinsam gegen Sexismus“ zeigt, dass 63 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland bereits Sexismus am Arbeitsplatz erlebt haben – bei Frauen sind es sogar 70 Prozent. Die Folgen reichen von emotionalen und psychischen Belastungen über einen Arbeitsplatzwechsel bis hin zu finanziellen Einbußen und langfristigen Auswirkungen auf die berufliche Entwicklung.
Ein ähnliches Bild zeichnet die „Frau am Bau“-Umfrage der Hagedorn Unternehmensgruppe von 2021: Rund 80 Prozent aller Befragten sehen Sexismus und geschlechterspezifische Vorurteile weiterhin als Problem auf Baustellen. Etwa 70 Prozent der Frauen sind überzeugt, dass sie es in der Branche schwerer haben als Männer und bei gleicher Qualifikation seltener befördert werden.
Dabei mangelt es nicht an interessierten Frauen: Laut dem Arbeitsmarktreport 2026 des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie e.V. sind rund 30 Prozent der Studierenden im Bauingenieurwesen weiblich. Die eigentliche Herausforderung besteht also weniger darin, Frauen für technische Berufe zu gewinnen, sondern Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen sie willkommen sind, sich beruflich weiterentwickeln können und langfristig in der Branche bleiben. Sexistische Erfahrungen, fehlende weibliche Vorbilder und Arbeitsbedingungen, die sich nur schwer mit familiären Verpflichtungen vereinbaren lassen, führen dazu, dass Frauen die Branche wieder verlassen.
Warum KMU besonders gefordert sind
Gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen vor besonderen Herausforderungen. Häufig fehlen professionelle Personalstrukturen, Betriebsräte oder etablierte Beschwerde- und Compliance-Prozesse. Konflikte, Diskriminierung und sexistische Vorfälle bleiben deshalb oft unsichtbar. Nicht, weil sie nicht stattfinden, sondern weil es an klaren Anlaufstellen und Verfahren fehlt, sie anzusprechen und wirksam zu bearbeiten.
Sexismus vorbeugen: Maßnahmen für Mittelstand und Handwerk
Es geht aber auch einfacher. Schon kleine Veränderungen können dazu beitragen, die Betriebskultur nachhaltig zu verbessern und Sexismus entgegenzuwirken. Wie das gelingen kann, zeigt die Handreichung „Mit fairer Betriebskultur stark in die Zukunft – 15 Maßnahmen für respektvolles Arbeiten in Mittelstand und Handwerk“ des Bündnisses „Gemeinsam gegen Sexismus“. Die folgenden fünf Maßnahmen machen deutlich: Wirksame Prävention muss weder aufwendig noch teuer sein. Viele Ansätze lassen sich mit überschaubarem Aufwand in den Betriebsalltag integrieren.
- Führungskultur stärken: Führungskräfte haben eine Vorbildfunktion. Wer klar Haltung gegen Sexismus und Diskriminierung zeigt, prägt die Betriebskultur nachhaltig.
- Klare Strukturen für Konflikte schaffen: Konflikte gehören dazu. Transparente Abläufe sorgen dafür, dass Probleme früh angesprochen werden können, bevor Beschäftigte oder Auszubildende den Betrieb verlassen.
- Informationsmaterialien auslegen: Schon Flyer oder Aushänge zu Sexismus und Anlaufstellen können Betroffenen Orientierung geben und zeigen: Das Thema wird im Betrieb ernst genommen.
- Mit Lehrlingswart*innen zusammenarbeiten: Lehrlingswart*innen können für Auszubildende eine wichtige Vertrauensperson sein. Eine enge Zusammenarbeit stärkt den Schutz von Nachwuchskräften.
- Engagement sichtbar machen: Viele junge Menschen achten auf eine respektvolle Betriebskultur. Wer sein Engagement gegen Sexismus sichtbar macht, wird als Arbeitgeber*in attraktiver.
Eine wichtige Grundlage liefert zudem die aktuelle Studie „Sexismus am Arbeitsplatz“. Sie macht das Ausmaß des Problems sichtbar und liefert belastbare Daten, um das Thema im eigenen Unternehmen anzusprechen. Gerade dort, wo noch behauptet wird: „So etwas gibt es bei uns nicht“, bietet sie eine fundierte Argumentations- und Legitimitätsgrundlage, um Prävention und eine respektvolle Betriebskultur auf die Agenda zu setzen.
Gemeinsam gegen Sexismus: Warum sich der Beitritt zum Bündnis lohnt
Ein weiterer Schritt kann der Beitritt zum Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ sein. Das Bündnis ist ein Netzwerk aus rund 1.000 Unternehmen, Organisationen und Kommunen, die sich gemeinsam gegen Sexismus einsetzen und sich verpflichten, diesem in ihren eigenen Strukturen entgegenzuwirken. Es wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der EAF Berlin umgesetzt. Mitglieder erhalten Impulse, Materialien und Vernetzungsmöglichkeiten rund um das Thema Sexismus am Arbeitsplatz. Der Beitritt ist kostenfrei.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen aus dem Bau- und Handwerksgewerbe sind dort bislang noch unterrepräsentiert. Dabei setzt eine Mitgliedschaft gleich in mehrfacher Hinsicht ein wichtiges Signal: Nach außen zeigt sie Beschäftigten, Bewerbenden und Geschäftspartner*innen, dass Diskriminierung und Sexismus im Unternehmen keinen Platz haben. Nach innen ist sie eine Selbstverpflichtung, respektvolles Miteinander aktiv zu fördern und die Unternehmenskultur kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Kontakt
Wenden Sie sich gerne an die zuständige Ansprechperson:
Laura Giardina
Senior Expert
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