Politische Gewalt nimmt zu: Allein in 2024 hat das Bundeskriminalamt (BKA) 7.568 Vorfälle gegen Amts- und Mandatsträger*innen verzeichnet.[1] Hass und Hetze sind mittlerweile in Deutschland für viele zum Alltag geworden: 38 % der Bürgermeisterinnen und Landrätinnen gaben im letzten kommunalen Monitoring des Verbundprojekts MOTRA an, in den letzten sechs Monaten Gewalt oder Aggression erlebt zu haben – männliche Amtskollegen haben für diesen Zeitraum mit 28% eine signifikant geringere Betroffenheit angegeben.[2] In den 77 größten Städten Deutschlands haben 2022 nahezu 60 % der befragten Kommunalpolitikerinnen Anfeindungen im Amt erlebt.[3]
Warum das Thema vor Ort relevant ist
Kommunalpolitiker*innen stehen im unmittelbaren Kontakt mit Bürger*innen, ihre Adresse, ihr Arbeitgeber, auch die Schule der Kinder sind vielen vor Ort bekannt. Diese Vertrautheit ist Stärke und Schwäche zugleich, denn sie erhöht auch die Verwundbarkeit von Mandatsträger*innen.
Wenn Frauen und andere marginalisierte Gruppen sich bedroht fühlen, hat das direkte Auswirkungen auf Demokratie und Teilhabe - auf die Gewinnung politischen Nachwuchses, die Sichtbarkeit und Wirksamkeit von Frauen in der Politik sowie die Repräsentation der Vielfalt von Perspektiven und Bedarfen vor Ort. So passen viele ihr Verhalten an, ändern ihre Kommunikation, beschränken die eigene öffentliche Sichtbarkeit zumindest zeitweise oder ziehen sich sogar vollständig aus der Politik zurück. Neben all den Barrieren, die interessierte Frauen von einer Kandidatur abhalten, spielt auch das Thema Anfeindungen eine große Rolle.[4] Damit steht die politische Nachwuchsgewinnung auf der Kippe – bereits jetzt haben viele Kommunen Probleme damit, Kandidat*innen für kommunalpolitische Ämter und Mandate zu finden.[5] Durch den Mangel an vielfältigen Perspektiven schwindet das Vertrauen in lokale Institutionen und staatliche Stellen.
Welche Art von politischer Gewalt Frauen erfahren – und welche Folgen dies hat
Die EAF Berlin hat in ihrem aktuellen „Länderbericht zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen in der Politik“ klare geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Betroffenheit von politischer Gewalt aufgezeigt: Frauen erleben häufiger geschlechtsbezogene Diskriminierung, sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigungsandrohungen. Das BKA verzeichnet bei frauenfeindlichen Hassdelikten einen beachtlichen Anstieg um 73,3 % im Vergleich zum Vorjahr.[6]
Am häufigsten erfahren Frauen psychische Gewalt, bspw. durch Beleidigungen oder Verleumdung. Dabei geht Gewalt im Netz oft mit analogen Angriffen einher – über 70 % der von HateAid dazu befragten Frauen gaben an, beide Formen zu erleben.[7] Zudem berichten Politikerinnen öfter als Männer davon, dass sich Drohungen auch gegen ihre Familien richten. Selbst Stalking haben 8 % der Politikerinnen laut dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) schon erlebt.[8]
Neben Stress, Angstzuständen und Depressionen sind die Folgen von geschlechtsspezifischer Gewalt in der Politik nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für uns als Gesellschaft verheerend. Denn Ziel solcher Angriffe ist es, Frauen und andere marginalisierte Gruppen langfristig zum Schweigen zu bringen und damit aus der politischen Entscheidungsfindung zu verdrängen.
Handlungsbedarf auf allen politischen Ebenen
Kommunalpolitik gilt zurecht als Basis unserer Demokratie – hier entscheidet sich, ob Teilhabe und Vielfalt wirklich gelebt werden. Gewalt gegen Frauen in der Politik steht dem im Wege und darf nicht hingenommen werden. Prävention und Schutz sind Aufgabe sowohl des Bundes und der Länder als auch der Landkreise und Kommunen. Sie können unmittelbar vor Ort wirken und passgenaue Angebote machen, z. B. durch Schulungsangebote, Notfallkontaktlisten oder eigene Ansprech- und Ombudsstellen.