Antimuslimischer Rassismus

Eine kurze Einführung für alle, die sich gegen Ausgrenzung und für Chancengerechtigkeit einsetzen möchten: Ein Blogbeitrag zum Tag gegen antimuslimischen Rassismus von Makieu Daniels und Leah Hanraths, mit dem Ziel aufzuklären und Handlungsmöglichkeiten für Menschen aufzuzeigen, die nicht von dieser Diskriminierungsform betroffen sind.

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Antimuslimischer Rassismus ist ein altbekanntes Phänomen: Es bezeichnet die Diskriminierung von muslimischen und muslimisch-gelesenen[1] Menschen. In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wurde antimuslimischer Rassismus – bis vor ca. 10 Jahren unter der Bezeichnung „Islamophobie“ bekannt – insbesondere nach den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 durch Medien und Politik systematisch verbreitet und verstärkt. Neue Aufmerksamkeit erlangte das Thema im europäischen Raum ab 2015 mit dem Beginn des Krieges in Syrien und der Aufnahme von geflüchteten Menschen.

Diskriminierungserfahrung und Gewalt sind Teil der Lebensrealität

Durch aktuelle Ereignisse wie der rassistisch motivierte Anschlag in Hanau wird antimuslimischer Rassismus nur punktuell thematisiert und weniger als strukturelles Problem aufgegriffen, obwohl es beständig Teil des Erlebens von muslimischen Menschen und muslimisch gelesenen Personen ist, die von der Diskriminierungsform betroffen sind. Heute, im Sommer 2024, ist die Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus nach wie vor von besonderer Wichtigkeit: In Deutschland leben mehr als 5 Millionen muslimische Menschen. 2023 wurden im Durchschnitt mehr als fünf Angriffe pro Tag gegen muslimische und muslimisch-gelesene Personen in Deutschland verübt – ein Anstieg von 114 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (SZ.de 2024). Die Diskriminierungserfahrungen und Gewalt sind damit Teil der Lebensrealität vieler Menschen.

Wir, das sind Leah und Makieu, setzen uns im Rahmen unseres beruflichen Schwerpunktthemas „Antirassismus und Critical Whiteness“ bei der EAF Berlin mit diesem Thema verstärkt auseinander und möchten mit diesem Beitrag einen Einstieg ins Thema ermöglichen, für alle, die sich gegen antimuslimischen Rassismus und für die Stärkung muslimischer Menschen in unserer Gesellschaft einsetzen möchten. Leah und Makieu identifizieren sich beide als Frauen of Color und machen Rassismuserfahrungen, sind jedoch nicht direkt von antimuslimischem Rassismus betroffen.

Was ist antimuslimischer Rassismus? Wer ist davon betroffen?

  • Antimuslimischer Rassismus ist eine Unterkategorie der Diskriminierungsform „Rassismus“, die die strukturelle Abwertung und Unterdrückung von Menschen aufgrund rassifizierter Merkmale wie Hautfarbe, ethnische Herkunft, Name und Religionszugehörigkeit beschreibt und rassifizierte Menschen als „essentiell anders“ positioniert.
  • Basiert auf der Annahme, dass der Islam, die vom Islam vertretenen Werte und damit auch muslimische Menschen unvereinbar „anders“ sind im Vergleich zu den vorherrschenden Werten der Mehrheitsgesellschaft (z.B. christlich-deutschen). Der Islam wird in diesem Kontext auch oft als „Feindbild“ dargestellt, das die von der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft vertretenen Werte und kulturelle Traditionen gefährdet.
  • Betrifft Menschen, die muslimisch gelesen werden und die muslimischen Glaubens sind und bringt die (angenommene) Religionszugehörigkeit mit biologistischen Merkmalen (Rassifizierung) in Verbindung. In Deutschland sind Frauen überdurchschnittlich häufig von Straftaten betroffen, die durch antimuslimischen Rassismus motiviert sind.
  • Kann sich auch gegen muslimisch markierte Orte richten, z.B. Moscheen, Lokale und Restaurants.

All diese Annahmen münden in bewussten und unbewussten Stereotypen und Vorurteilen und können zu diskriminierenden und ausgrenzenden individuellen Handlungen, gesellschaftlichen Strukturen, organisationalen Prozessen, politischen Forderungen und Maßnahmen sowie medialer Berichterstattung führen.

Wie wirkt sich antimuslimischer Rassismus auf betroffene Personen aus?

Muslimische und muslimisch-gelesene Personen leiden in ihrem Alltag immer wieder unter Diskriminierungserfahrungen verschiedenster Arten – von Mikro-Ungerechtigkeiten über strukturelle Ausgrenzung und Abwertung bis hin zu Gewalttaten. Diese Diskriminierungserfahrungen wirken auf unterschiedlichen Ebenen:

  • Auf individueller und zwischenmenschlicher Ebene kann antimuslimischer Rassismus dazu führen, dass betroffene Personen negative Erfahrungen in sozialen Interaktionen machen. Beispielsweise, dass Menschen auf die andere Straßenseite wechseln, wenn sie muslimisch-gelesenen Menschen begegnen. Oder die Unterstellung fehlender Deutschkenntnisse bis hin zu Beleidigungen und tätlichen Angriffen.
  • Auf struktureller Ebene führt antimuslimischer Rassismus dazu, dass betroffene Personen geringere Chancen haben, zu Bewerbungsgesprächen eingeladen zu werden (IZA 2016), weniger oft eine Wohnung angeboten bekommen (BAMF 2020)und vermehrt negative Erfahrungen im Gesundheitswesen machen (DeZiM 2023).
  • Auf institutioneller Ebene zeigt sich antimuslimischer Rassismus dadurch, dass muslimisch-gelesene Personen bei Grenz-, Sicherheits- und Polizeikontrollen anders behandelt, häufiger und vor allem strenger kontrolliert werden (Racial Profiling). Ein Grund dafür ist, dass in diesen Kontexten muslimisch-gelesene Personen verstärkt kriminalisiert werden. Dies wirkt sich wiederum auch auf asyl- und migrationspolitische Forderungen und Maßnahmen aus, die mit Verweis auf straffällig gewordene Menschen aus muslimischen Herkunftsländern auf eine Verschärfung der Einwanderungsgesetze für alle muslimischen Menschen abzielen.

Was können wir gegen antimuslimischen Rassismus tun?

Natürlich müssen für strukturelle Probleme auch strukturelle Lösung gefunden werden, doch es gibt auch Maßnahmen, mit denen Organisationen, Unternehmen und einzelne Kolleg*innen und Teammitglieder sich im Arbeitsumfeld dafür einsetzen können, dass Personen, die muslimischen Glaubens sind oder muslimisch gelesen mitgedacht und wertgeschätzt werden:

  • Als nicht von antimuslimischen Rassismus betroffene Person, Kolleg*in und Teammitglied können wir als Ansprechperson und Verbündete betroffenen Personen zur Seite stehen. Das heißt, die Lebensrealität von muslimischen Menschen im Alltag kennenzulernen und mitzudenken, etwa auf die Personen zuzugehen, zu fragen, ob und welche Unterstützung sie brauchen – im Allgemeinen oder nach einem spezifischen Vorfall.
  • Als Team können wir in einem interkulturellen Kalender alle religiösen Feiertage und Traditionen eintragen und inklusiv bei der aktiven Gestaltung der Zusammenarbeit und der Projektplanung mitdenken. 
  • Als Organisation und Unternehmen können wir Mitarbeitende und Führungskräfte zu entsprechenden Themen schulen und ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie sich Vorurteile und Vorannahmen unbewusst auf die chancengerechte Gestaltung interner Prozesse, wie Bewerbungs- und Beförderungsprozesse, auswirken.

Und dann noch eine klare Forderung: Es ist die Aufgabe von Personen, die nicht von antimuslimischem Rassismus betroffen sind und insbesondere von Führungskräften, sich in Organisationen und Unternehmen mit dieser Diskriminierungsform auseinanderzusetzen und dafür strukturelle Lösung zu finden. Die Verantwortung liegt bei ihnen und nicht bei muslimisch-gelesenen oder muslimischen Menschen, für ein Bewusstsein zum Thema antimuslimischer Rassismus zu sorgen.

Religiöse und ethnische Vielfalt im Unternehmen mitdenken

Als Unternehmen und Organisationen müssen wir lernen, religiöse und ethnische Vielfalt aktiv mitzudenken, wertzuschätzen, zu gestalten und sowohl vorbeugend als auch konsequent gegen Diskriminierung an unseren Arbeitsplätzen vorzugehen, damit sich alle Kolleg*innen zugehörig fühlen und ihre Stärken einbringen können. Das sind die Voraussetzungen, um gemeinsam für ein solidarisches und gerechtes Miteinander einstehen zu können.

Für betroffene Personen können im Alltag sichere Räume hilfreich sein, in denen sie sich über die Diskriminierungserfahrungen und Strategien im Umgang mit der Diskriminierungsform austauschen können. Zudem kann es im Arbeitsalltag unterstützend sein, sich Kolleg*innen anzuvertrauen und diese in die Verantwortung zu holen, ein Ally[2] zu sein.

Deine Organisation braucht Unterstützung beim Einsatz gegen antimuslimischen Rassismus?

Die EAF Berlin unterstützt mit ihrem rassismuskritischen Ansatz Unternehmen, Organisationen und Institutionen dabei, Rassismus in ihrem Umfeld zu identifizieren und entgegenzuwirken. Es wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie Rassismus Einzelpersonen, aber auch ganze Gruppen und Gesellschaften beeinflusst. Wir arbeiten praxis- und erfahrungsorientiert, um durch Dialog und Diskussion zu Perspektivwechsel und Reflexion anzuregen und unseren Kund*innen die Möglichkeit zu eröffnen, nachhaltig eine antirassistische und solidarische Haltung und Strukturen zu etablieren.

 

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[1] „Gelesen werden“ wird in diesem Kontext als Formulierung verwendet um die Außenwahrnehmung auf eine Person zu beschreiben und die Fremdzuschreibung auszudrücken, die aufgrund von Namen oder äußerlichen Merkmalen erfolgt. Gängige Formulierungen sind beispielsweise weiblich oder männlich gelesen werden oder weiß oder Schwarz gelesen werden.

[2] Ally sein, bedeutet Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, auf Augenhöhe zu begleiten und ihnen Beistand zu leisten. Hierzu findet ihr hier Tipps und Anregungen : hateaid.org/allyship/

Die Autorinnen

Makieu Daniels ist Junior Expert im Bereich Organisationsentwicklung und Trainings. Sie arbeitet zusammen mit dem DEI-Team organisatorisch sowie inhaltlich an der Konzeption und Durchführung von Beratungsprozessen, Projekten, Workshops und von Trainings zu Diversity, Equity & Inclusion (DEI) sowie Diversity-Strategien in Unternehmen und Organisationen. Mehr über Makieu Daniels.

Leah Hanraths ist als Senior Expert im Team der EAF Berlin tätig und unterstützt Unternehmen als Trainerin und Beraterin für Chancengleichheit und Vielfalt. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Themenfeldern Unconscious Bias und Inclusive Leadership, Empowerment und Auftrittskompetenz, Intersektionalität und Antirassismus sowie diversitätsorientierter Organisationsentwicklung. Mehr über Leah Hanraths.

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