Neue EAF-Studie gibt Einblick zu Gewalterfahrungen von Politikerinnen im Bundestag

Demonstrationen vor dem Wohnhaus, Androhung körperlicher Gewalt, unzähligeAngriffe per Mail oder in Kommentarspalten. Aber auch: sexistische Übergriffe in der eigenen Fraktion. Gewalt prägt den Alltag vieler Politikerinnen. Die Studie der EAF Berlin „Erst gewählt, dann bedroht? Erfahrungen von weiblichen Bundestagsabgeordneten zu Hass und Hetze in der Politik“ hat aktuelle und ehemalige Bundestagsabgeordnete befragt und macht sichtbar, wie Hass, Hetze und geschlechtsbezogene Gewalt politische Arbeit beeinflussen.
Wenn Gewalt zur politischen Alltagserfahrung wird
Die Studie ist Teil einer länderübergreifenden Untersuchung zur Lage der Politikerinnen in den nationalen Parlamenten in Deutschland, Tschechien, Ungarn, Irland und der Slowakei. Die nicht-repräsentative Teilstudie zeigt, dass die befragten Politikerinnen alle gängigen Formen von Gewalt gegen Frauen in ihrer Tätigkeit als Abgeordnete erleben: psychische, digitale, sexualisierte, körperliche und finanzielle Gewalt. Besonders häufig berichten die Politikerinnen von Beleidigungen, Bedrohungen und digitaler Gewalt – etwa in Kommentarspalten, E-Mails oder Messenger-Diensten. Auch Vergewaltigungsdrohungen, unerwünschte Berührungen, sexistische Bemerkungen sowie Sachbeschädigungen an Wahlplakaten oder Wahlkreisbüros werden geschildert. Für alle befragten Politikerinnen war es Realität, im Rahmen ihres Mandats online hasserfüllte Kommentare oder Drohungen zu erhalten.
Das Private ist politisch – auch bei Gewalt
„Aufforderungen wie „Strick dir doch ein schönes Seil, dann hast du Ruhe für immer“ haben mich auch belastet. Die Menge an Hass von allen Seiten über eine längere Zeit hinweg und auf allen möglichen parallelen Kanälen war schwer zu ertragen. Da vieles davon öffentlich stattfand, habe ich auch darüber nachgedacht, wie das junge Frauen abschreckt, selbst mal in die Politik zu gehen, weil man dann so einen Umgang ertragen muss.“ (Befragte Politikerin)
Die Ko-Studienautorin EAF-Senior-Expert Sarah Robinson macht deutlich:
„Die Studie zeigt, wie stark Hass und Bedrohung in den politischen Alltag hineinwirken – online, im öffentlichen Raum, im privaten Umfeld und teilweise auch innerhalb politischer Strukturen. Geschlechtsbezogene Gewalt gegen Politikerinnen richtet sich nicht nur gegen einzelne Personen. Sie sendet auch ein Signal an andere Frauen: Wer politisch sichtbar wird, muss mit Angriffen rechnen. Das ist ein Problem für die Demokratie.“
Die Befragten berichten von Angriffen, die nicht nur ihre politische Position, sondern explizit ihr Geschlecht adressieren. Häufig beziehen sich Kommentare auf Aussehen, Alter, vermeintliche Kompetenz oder traditionelle Rollenbilder. Frauen werden etwa als „Quotenfrau“ abgewertet oder mit sexualisierten und frauenfeindlichen Zuschreibungen konfrontiert. Die Studie macht damit sichtbar, dass politische Gewalt gegen Frauen oft eine ausdrücklich geschlechtsbezogene Dimension hat.
Viele Anfeindungen kommen direkt von Bürger*innen, organisierten Gruppen oder aus digitalen Räumen. Die Befragten berichten aber auch von Grenzüberschreitungen innerhalb politischer Strukturen – etwa in Parteien, Fraktionen oder parlamentarischen Arbeitszusammenhängen. Damit verweist die Studie auf ein Problem, das nicht allein mit äußerem Hass erklärt werden kann, sondern auch politische Institutionen selbst in ihrem Innersten betrifft.
Intersektionalität: Anfeindungen oft mehr als frauenfeindlich
Einige Schilderungen zeigen zudem, dass Angriffe mehrfach diskriminierend sein können und es häufig auch sind, also dass Angriffe oft auf mehr als das "Merkmal Frau" abzielen – etwa wenn Geschlecht mit rassistischen Zuschreibungen, tatsächlicher oder zugeschriebener Herkunft, Alter oder äußerer Erscheinung verknüpft wird.
Wo ist man eigentlich noch sicher? Grenzüberschreitungen im politischen Arbeitsumfeld
Besonders deutlich wird außerdem, dass Gewalt nicht nur von außen kommt. Einige Schilderungen verweisen auf sexistische Machtspiele im politischen Arbeitsumfeld, etwa der eigenen Partei oder Fraktion oder in der parlamentarischen Zusammenarbeit. Die Studie verweist auf Grenzüberschreitungen innerhalb politischer Strukturen. Befragte beschreiben sexistisch konnotierte Machtspiele, unerwünschte körperliche Nähe oder Bemerkungen, die häufig bagatellisiert werden. Täter können sich so leicht auf Missverständnisse berufen, statt ein eigenes Fehlverhalten eingestehen zu müssen. Oft heißt das in der Konsequenz: Eine Frau, die sich dagegen wehrt, sei unkollegial, verstehe keinen Spaß oder sei eben einfach zu empfindlich – häufig auch mit Konsequenzen für ihre politische Karriere.
Was Politikerinnen jetzt brauchen: Schutz, Unterstützung, Zuständigkeiten
Die Studie gibt einen Einblick, an welche Stellen sich die befragten Politikerinnen wenden und wie ihre Erfahrungen damit sind. Deutlich wird: Selbst Bundestagsabgeordnete fühlen sich unzureichend unterstützt – sei es von der Strafverfolgung, der Gesetzgebung oder der eigenen Partei. Basierend auf den Wünschen der teilnehmenden Politikerinnen schlagen die Autorinnen unter anderem eine sensibilisierte und konsequente Strafverfolgung, unabhängige Anlaufstellen und Unterstützungsstrukturen, wirksame Maßnahmen gegen Sexismus und Diskriminierung in politischen Parteien und Gremien sowie einheitliche Regelungen und deren konsequente Umsetzung durch Plattformbetreiber in der EU vor. Denn klar ist: Gewalt gegen Politikerinnen ist kein individuelles Problem und keine Frage des persönlichen Verhaltens der Betroffenen. Sie zu schützen erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz – mit niedrigschwelliger Beratung, konsequenter Strafverfolgung und strukturellen Maßnahmen, die Täter*innen in die Verantwortung nehmen.
„Anfeindungen belasten Politikerinnen psychisch und körperlich. Sie können aber auch beeinflussen, welche Themen aufgegriffen werden, wie sichtbar Politikerinnen auftreten und ob sie sich aus bestimmten Debatten zurückziehen. Im Bundestag sind Frauen mit einem Anteil von rund 32 % sowieso schon unterrepräsentiert – Wo Anfeindungen zum Grund für Rückzug werden, verstärkt sich dieses Repräsentationsproblem noch. Wer Schutz vor Gewalt verweigert, schließt Frauen und marginalisierte Gruppen aktiv aus – dabei ist dieser Schutz keine Sonderforderung, sondern Grundvoraussetzung für eine sichere, verantwortungsvolle und gesunde Berufsausübung. Solange das weiterhin bagatellisiert wird, ist die Zukunft unserer Demokratie ernsthaft in Gefahr“, betont Ko-Studienautorin Cécile Weidhofer.
Sarah Robinson und Cécile Weidhofer: Erst gewählt, dann bedroht? Erfahrungen von weiblichen Bundestagsabgeordneten zu Hass und Hetze in der Politik. EAF Berlin, 2026.


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