Wir trauern um Rita Süssmuth
Rita Süssmuth verstand es, Brücken zu bauen – zwischen Menschen aus verschiedenen Parteien, aus Politik und Zivilgesellschaft, mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen. Sie war mutig, streitbar, motivierend und ein Vorbild für so viele Frauen. Rita Süssmuth hat mitgewirkt, die EAF aus der Taufe zu heben, und ihre politische Erfahrung und Reputation als Bundestagspräsidentin in die Waagschale gelegt, damit wir 1998 unser allererstes Mentoring-Programm auf den Weg bringen konnten: Preparing Women to lead. Dort wirkte sie selbst als Mentorin mit. Wir sind zutiefst dankbar, dass wir einen Teil des Weges gemeinsam mit ihr gehen durften.
EAF-Gründungspräsidentin, Barbara Schaeffer-Hegel, war ihr über gemeinsame Jahre in der Wissenschaft und das Interesse an der damals noch jungen Disziplin der Frauen- und Geschlechterforschung eng verbunden. Rita Süssmuth war Direktorin des Instituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover und Quereinsteigerin in die Politik und wurde, vergleichbar zu Angela Merkel, zunächst vielfach unterschätzt. Als erste Frauenministerin der Republik setzte sie jedoch schnell Maßstäbe, ebenso wie als Gesundheitsministerin, u.a. im Umgang mit AIDS. Zeitlebens blieb „Lovely Rita“ offen für neue Ideen und auch unkonventionelle Aktionen.
Auch das Amt der Bundestagspräsidentin prägte sie auf ganz eigene Weise. Wer den Film „Die Unbeugsamen“ über die Politikerinnen der Bonner Republik gesehen hat, konnte eindrücklich erleben, mit welcher Hartnäckigkeit und Chuzpe Rita Süssmuth sich in der politischen Männerwelt, und vor allem auch in ihrer eigenen Partei, zu behaupten wusste. Politik sei wie eine Drehtür, sagte sie einmal, wer einerseits hinausgeht, kommt andererseits wieder hinein.
Aufgeben war in der Tat nie eine Option für sie. In den letzten Jahren war die Parität in Politik und Gesellschaft ihr großes Ziel. Wobei sie sich sehr bewusst war, in welchen unterschiedlichen Lebensumständen Frauen verortet sind und welche Rolle die soziale Lage und die Herkunft spielen. So setzte sie sich auch entschieden für die Rechte und Chancen von migrantischen Männern und Frauen ein.
Rita Süssmuth war bis zuletzt die treibende Kraft hinter der Initiative #ParitätJetzt!, der rund 80 Organisationen, darunter die EAF Berlin, angehören. Hier hatte ich die große Freude und Ehre, mit ihr immer wieder zusammenarbeiten zu dürfen. Es war sehr berührend zu erleben, wie entschlossen sie für die Sache eintrat, uns Mitstreiterinnen ermunterte und ermahnte, nicht nachzulassen, auch als sie schon ganz zart und von ihrer Krankheit gezeichnet war. „Wir haben viel erreicht, doch es bleibt noch immer ein weiter Weg. Für mich ist Gleichberechtigung nicht einfach ein Ziel, sondern eine tägliche Aufgabe.“ Das bleibt unser gemeinsamer Auftrag, den wir nun auch in ihrem Namen weitertragen werden.
Helga Lukoschat


