Frauen in der Politik sind nicht mehr die Ausnahme, aber noch längst nicht die Regel. Angesichts der unveränderten Männer- und Männlichkeitsdominanz im politischen Raum unterliegen Politikerinnen daher gegenwärtig einer „paradoxen politischen Integration“, einem „Aus- und Einschluss zugleich“ (Meyer 1997: 349). Diesen gleichzeitigen Ein- und Ausschluss nimmt die vorliegende Dissertation ins Visier mit der Frage, inwiefern sich die Situation für Politikerinnen und Politiker bis zu ihrer Wahl (Wahlsituation) und danach (Regierungssituation) unterscheidet.

Sie geht folgender Frage nach: Inwiefern zeigt sich Gender in den Werdegängen/Lebenszusammenhängen sowie in den Handlungsressourcen der Wahlsituation und der Regierungssituation von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern?

Die Antworten auf diese Frage wurden mittels empirischer Untersuchung von insgesamt 22 hauptamtlichen Bürgermeister*innen (jeweils elf Bürgermeisterinnen und Bürgermeister) mit SPD-Parteizugehörigkeit aus Mittelstädten Nordrhein-Westfalens mit 20.000 bis 100.000 Einwohner*innen generiert. Neben leitfadengestützten Interviews wurden die qualitativen und quantitativen Daten durch einen Fragebogen sowie zusätzliche Informationsrecherchen im Vorfeld und im Nachgang der Interviews gewonnen.

Im Vergleich zur bisherigen politikwissenschaftlichen Gender-Forschung vollzieht die Arbeit einen Perspektivwechsel: Nicht mehr der Ausschluss von Frauen vom Zugang zum Bürgermeister/in-Amt steht im Vordergrund, sondern ihr Ausschluss von Handlungsressourcen als Kandidatinnen für das Bürgermeister/in-Amt und als Bürgermeisterinnen, kurzum: ihr Ausschluss trotz Einschluss. „Handlungsressourcen“ sind dabei jene Ausgangslagen, die die Chancen der Kandidat*innen auf Wahlerfolg (Wahlsituation) bzw. die Chancen der Bürgermeister*innen auf Amtserfolg (Regierungssituation) maßgeblich mitbestimmen.

Ebenfalls anders als in bisheriger politikwissenschaftlicher Gender-Forschung, wurden für die theoretisch-konzeptionelle und methodische Umsetzung dieses Forschungsanliegens bisherige Erkenntnisse der politikwissenschaftlichen Gender-Forschung mit denen der kommunalwissenschaftlichen Führungsforschung zu einem integrierten Forschungsansatz zusammengeführt. Dieser ermöglicht den empirischen Nachweis der geschlechtlichen Strukturierung folgender insgesamt fünf Handlungsressourcen: die Eignung(sbeurteilung), die situativen Wahlchancen und der Rückhalt der Ortsparteien in der Wahlsituation; die Rat-Bürgermeister*in-Konstellation und die Vereinbarkeitssituation der Bürgermeister*innen in der Regierungssituation.

Die Verteilung(smechanism)en der Handlungsressourcen ergeben für die Kandidatinnen bzw. Bürgermeisterinnen tendenziell nachteilige Ausgangslagen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Ihre Eignung(sbeurteilung), ihre situativen Wahlchancen und ihren Rückhalt seitens der Ortsparteien zusammengenommen, fällt die Prognose für die Erstwahl der Kandidatinnen eher schlecht aus. Angesichts ihrer durchsetzungsschwachen bzw. -ambivalenten Rat-Bürgermeister*in-Konstellationen und des eingeschränkten privaten Rückhalts in ihren Vereinbarkeitssituationen erscheint ihre Wiederwahl zumindest fraglich.

Diese vergleichsweise geringeren Chancen auf Wahlerfolg und Amtserfolg können dem tatsächlichen Wahlerfolg und Amtserfolg der Kandidatinnen bzw. Bürgermeisterinnen (der sich in ihrer Wahl und in ihrer mindestens einmal erfolgten Wiederwahl zeigt) jedoch nichts anhaben. Daraus ergeben sich zukunftsweisende Hinweise für Wissenschaft und Praxis dahingehend, dass Gender möglicherweise die Verteilung von Handlungsressourcen maßgeblich beeinflusst, dagegen eher nicht das Erzielen von Wahlerfolg und Amtserfolg.

Für eine Klärung dieser Diskrepanz besonders vielversprechend erscheint weitere Forschung zur Eignung(sbeurteilung) von Kandidat*innen für das Bürgermeister*in-Amt sowie zur Vereinbarkeitssituation von Bürgermeister*innen, denn: Beide Handlungsressourcen bzw. die ihnen zugrundeliegenden Normierungen setzen androzentrische Maßstäbe, deren sachliche Haltbarkeit und damit auch deren Legitimationsgrundlage für die geschlechterhierarchische Positionierung von Kandidat*innen und Bürgermeister*innen jedoch durch die vorliegende empirische Datenlage auf den Prüfstand gestellt werden.

 

Aus den wissenschaftlichen Gutachten zur Arbeit:

„Herauszuheben bleibt (…) die empirische Leistung und vor allem Genauigkeit der Arbeit“ (Holtkamp), und „Die Stärken (…) liegen eindeutig in der sorgfältig gearbeiteten Empirie“ (Henninger) - so die einhellige Würdigung des empirischen Fokus der Arbeit seitens der beiden Gutachter*innen: Prof. Dr. Lars Holtkamp und Prof. Dr. Annette Henninger. Der Arbeit zugrunde liegen eine „sehr gewissenhafte und detaillierte Aufarbeitung“ und „akribische und umfängliche Auseinandersetzung“ mit dem Forschungsstand (Holtkamp) sowie ein „detailliertes Analyseraster mit einer wohldurchdachten Indikatorik“ (Henninger).

„Mit dieser geschlechtervergleichenden Perspektive sowie aufgrund der gendertheoretischen sowie kommunalwissenschaftlichen Unterfütterung verspricht die vorgelegte Dissertation spannende Erkenntnisse zu einer bislang wenig beforschten Fragestellung“. Die Arbeit bringt „spannende innovative Befunde“ mit „Neuigkeitswert“ (Henninger) hervor, denn: „In empirischer Hinsicht gelingt es tatsächlich, den kommunalwissenschaftlichen Mainstream mit der politikwissenschaftlichen Genderforschung zusammen zu führen und die Dissertation kommt dadurch zu durchaus innovativen Ergebnissen“ (Holtkamp). Die forschungsbezogenen Innovationen kommen in Form der Konzepte, Herangehensweisen und Forschungsstrategien dem Fachgebiet der Frauen- und Genderforschung zugute. Die inhaltlichen Erkenntnisse der Arbeit hinsichtlich der Fragestellung – Wie sind bzw. werden die Handlungsressourcen auf Bürgermeisterinnen und Bürgermeister verteilt? – können zukünftige politische Praxis fundieren.

 

Hier können Sie die vollständige Dissertation herunterladen.