„Wir müssen den Krieg und den Frieden gewinnen“ Zwischen Überlebenskampf und Gestaltungswillen

Bewegend verlief die Gesprächsrunde in der Konrad-Adenauer-Stiftung mit vier ukrainischen Expertinnen und Aktivistinnen im Rahmen des Projekts "Gemeinsam für Demokratie".

Die Gesprächsrunde v.l.n.r.: Natalya Deliyeva, Irina Gritsay, Liliya Kislitsyna, Helga Lukoschat (Foto: EAF)

Beleuchtet wurden die verschiedenen Rollen, die Frauen in Armee, Staat und Zivilgesellschaft einnehmen. Eingeladen zur öffentlichen Veranstaltung "Schulter an Schulter: Ukrainerinnen zwischen Überlebenskampf und Gestaltungswillen" am 29. Juli hatten die Konrad-Adenauer-Stiftung, die EAF Berlin und das Global Public Policy Institute (GPPI).

Die Konferenz bildete den Höhepunkt des dreitägigen Berlinbesuchs der Projektpartnerinnen. Sie waren angereist um "vor Ort zu vermitteln, aufzuklären und Zeugnis abzulegen", wie EAF-Vorsitzende Helga Lukoschat eingangs erklärte. Brigitta Triebel, Leiterin des KAS-Büros in der Ostukraine, wies in der Begrüßung auf die besonderen Gefährdungen von Frauen in diesem Krieg hin, von denen sexualisierte Gewalt und Verschleppung die Spitze des Eisbergs sind. Oksana Dubovenko, ukrainische Botschaftsrätin in Berlin beklagte die besondere Grausamkeit der russischen Armee und die "unmenschlichen Bedingungen in den besetzten Gebieten." Diese Gewalt, so warnte sie, werde aus diesem Krieg in die ganze Welt getragen.

"Wir werden den Mördern nicht vergeben"

Irina Gritsay beschrieb ihren Kriegsalltag als "Horrorfilm, der kein Ende nimmt." Die Juristin und Professorin an der Universität für Verwaltungswissenschaften in Dnipro berichtete, dass ihre Region seit 156 Tagen unter Beschuss läge, jeden Tag die Sirenen heulten, zivile Objekte gezielt beschossen würden. "Ob an der Uni oder zuhause, wir wissen nie, wann es uns trifft." Die Offizierin der Reserve wartet jeden Moment darauf, im Rahmen der dritten Mobilisierungswelle eingezogen zu werden: "Wenn ich gehe, werde ich alles geben, um mein Land zu verteidigen. Und wir werden den Mördern nicht vergeben." Gritsay engagiert sich u.a. an ihrer Uni für die Unterbringung von Binnenflüchtlingen, von denen sich eine Viertelmillion in der Region aufhalten. Außerdem hat sie vor einigen Wochen eine hochrangig besetzte internationale Menschenrechtskonferenz zu den Kriegsverbrechen in der Ukraine organisiert. Unter Tränen berichtete Gritsay von monströsen Gewalttaten der russischen Armee, darunter auch sexualisierte Gewalt an Kindern. Zusammen mit anderen Fachleuten engagiert sie sich für die Dokumentation dieser Gräueltaten und dafür, dass diese zur Anklage beim Internationalen Gerichtshof gebracht werden.

"Wir müssen siegen, wir haben keine Alternative"

Liliya Kislitsyna kommt aus Kramatorsk in der Region Donezk, die ständig unter Beschuss gerät. Anfang April gab es einen russischen Luftangriff auf den dortigen Bahnhof, bei dem über 50 Zivilist*innen starben. Kislitsyna eröffnete ihre Rede mit der Nachricht, dass ihre Heimatstadt gerade einen neuerlichen Luftangriff erlebe. Darüber aber fände sie in deutschen Medien keinerlei Nachricht, auch könne sie hier keine ukrainischen Sender empfangen. So klagte die Geschäftsfrau und Vorsitzende der Frauenorganisation Smarta, die seit Kriegsanfang vom westukrainischen Lviv aus humanitäre Hilfe leistet. In Kramatorsk, das bereits 2014 umkämpft gewesen sei, lebten aktuell nur noch 20 Prozent der Bevölkerung. Es gebe kein Gas, in manchen Gebieten kein Wasser. "80 Prozent der Menschen aus Kramatorsk irren durch die Welt, viele ohne Arbeit, ohne Möglichkeit, ihre Ausbildung abzuschließen. "Wir müssen siegen, wir haben einfach keine Alternative", so Kislitsyna. Die Mitgründerin einer regionalen Allianz für die Umsetzung der Resolution 1325 "Frauen, Frieden, Sicherheit" des UN-Sicherheitsrats sprach aber auch über den aktiven Part von Frauenorganisationen bei deren Implementierung in der Ukraine. Der Krieg habe den Prozess beschleunigt und eine Aktualisierung des entsprechenden Nationalen Aktionsplans notwendig gemacht, auch weil sich neue Zielgruppen herausgebildet hätten: Millionen von Binnenflüchtlingen, über eine Million Menschen, die in Filtrationslagern in den besetzten Gebieten festgehalten und dann nach Russland deportiert worden seien - darunter 200.000 Kinder. Über deren Verbleib und Lebensumstände gebe es so gut wie keine Informationen. Dazu kämen Millionen ins Ausland geflüchtete Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Das Problem der getrennten Familien sei groß, noch größer die psychischen Belastungen durch Gewalterfahrungen jeder Art.

"Im Krieg muss alles schnell gehen"

Natalya Deliyeva, Theaterleiterin und Journalistin aus Odessa berichtete, wie ihre Frauenorganisation Diya die Frontkämpfer*innen vor Ort und vor allem das dort stationierte 18. Marine-Bataillon mit allem versorge, was auf unbürokratischem Weg beschafft werden könne. "Denn im Krieg muss alles schnell gehen." Sie schilderte, wie schrecklich es sei, wenn die Freiwilligen an die Front gingen und dort fielen. "Wir Frauen wissen, dass 50 Prozent des Sieges von der Unterstützung des Hinterlands abhängen."

Yuliia Siedaia, Soziologin und Genderforscherin aus Charkiv, sprach über Frauen in den ukrainischen Streitkräften, deren Anteil höher ist als in den Armeen anderer Länder. Über 50.000 Frauen dienen inzwischen in der ukrainischen Armee, davon 38.000 in kämpfenden Einheiten, die übrigen in der zivilen Landesverteidigung. Als Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin führt Siedaia aktuell eine Studie zur Situation weiblicher Armeeangehöriger zwischen Selbstbehauptung und Diskriminierung durch. Auch wenn die Interviews erst begonnen haben, zeigen sich neben strukturellen Problemen in einer männlichen Militärkultur und -hierarchie auch ganz alltagspraktische wie z.B. passende Uniformen und Schutzbekleidung in Frauengrößen. Auch wenn immer mehr Militärberufe für Frauen heute zugänglich seien, sie Panzer fahren, in der Cyberabwehr arbeiten und als Offizierinnen Verantwortung tragen würden, so sei immer noch die Einstellung verbreitet, dass Krieg Männersache und Familie Frauensache sei. Das würde sich aber allmählich ändern, zeigte sich Siedaia zuversichtlich.

Wahrheit für Russland

Die Journalistin Olga Kotlytsa aus München berichtete vom Radio-Projekt "Wahrheit für Russland". Mit sechs Ukrainerinnen hat sie es nach der russischen Invasion im Februar gestartet mit dem Ziel, die Wahrheit über diesen Krieg nach Russland zu tragen. Auf Kurzwelle senden die Radiomacherinnen zwei Mal pro Woche für eine Stunde ihre Nachrichten. Sie können auch in den entlegensten russischen Regionen empfangen werden, wo es oftmals weder Internet noch Satellitenempfang gibt.

Kein Frieden jenseits militärischer Lösungen

Eine Teilnehmerin fragte, welche Themen die Feministische Außenpolitik, die in Deutschland propagiert werde, aus ukrainischer Sicht nicht berücksichtigt würden. "Wir brauchen mehr Waffen und einen abgesicherten Luftraum", rief Irina Gritsay. Yuliia Siedaia forderte die hiesigen Medien dazu auf, nicht auf die von Russland lancierten Mythen und Narrative über diesen Krieg hereinzufallen. Außerdem sprach sie über die posttraumatischen Belastungsstörungen der Kämpfer*innen. Sie müssten wieder zur Ruhe kommen, "resozialisiert" werden. Liliya Kislitsyna verwies auf die nach Deutschland geflüchteten Frauen und Kinder und deren Schwierigkeiten, sozial und professionell hier Fuß zu fassen. Julia Friedrich vom Global Public Policy Institute (GPPI), Mitveranstalter der Konferenz, sah vor allem die Bundesregierung in der Pflicht, Mittel für die psycho-soziale Betreuung der durch den Krieg traumatisierten Frauen und Kinder zur Verfügung zu stellen.

Eine weitere Teilnehmerin stellte in den Raum, das es feministische Szenarien für einen Frieden auch jenseits einer militärischen Lösung geben müsse. Natalya Deliyeva verneinte heftig. Sie berichtete von einer Bekannten, die Tochter, Schwiegersohn und Enkel durch russischen Beschuss verloren habe. Wie solle sie jener, die voller Wut sei, Friedensverhandlungen mit dem Aggressor plausibel machen. "Wir warten bis heute darauf, dass die Mütter in Russland auf die Straße gehen, ihren Präsidenten zur Rede stellen, warum er ihre Söhne in diesen Krieg schickt und ihm die Gefolgschaft aufkündigen." Daher seien Waffenlieferungen der wichtigste Beitrag Deutschlands in diesem Krieg - jenseits von Diskussionen über den Wiederaufbau des Landes und der Bedürfnisse von Frauen. "Denn die Ukraine muss den Krieg und den Frieden gewinnen."

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