"Was sollte ich auch sonst tun?" Die Charkiverin Daria Dmytrenko unterstützt ukrainische Geflüchtete in ihrem neuen Wohnort Plön.

Daria Dmytrenko und ihre Familie haben sich im März auf den Weg nach Plön gemacht. Inzwischen sind sie auch innerlich in Deutschland angekommen, fühlen sich in der dörflichen Gemeinschaft aufgenommen und engagieren sich in der Ukraine-Hilfe.

Daria Dmytrenko (32) stammt aus Charkiv in der Ostukraine. Dort arbeitete sie im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Mitte März floh sie zusammen mit Großmutter, Mutter und zwei Schwestern nach Plön, einer Kreisstadt in Schleswig-Holstein. Dort engagiert sie sich seitdem in einer Gruppe von Freiwilligen für geflüchtete Landsleute. Mit uns sprach sie über Flucht, Ankunft in Deutschland und die Situation der Geflüchteten, die sie dank ihrer Sprachkenntnisse in vieler Hinsicht unterstützen kann.

Daria, wie geht es dir und deiner Familie in Plön?

Mir und meinen Damen geht es ganz gut hier. Sobald wir die ukrainische Grenze überschritten hatten, haben wir sehr viel Unterstützung bekommen, nicht nur von meinem Arbeitgeber, sondern auch von unzähligen Leuten, die wir unterwegs getroffen haben. Unsere Fluchtgeschichte zählt vielleicht zu den einfachsten in dieser Zeit, auch wenn unsere Reise eine ganze Woche dauerte und wir zu fünft inklusive eines großen Hundes, einer Katze und unserem Gepäck im Auto saßen. Alles lief unterwegs gut, wir waren keinerlei physischer Gefahr ausgesetzt und konnten immer unkompliziert eine Unterkunft finden. Viele andere flüchtende Menschen hatten damit leider große Probleme.

Seit meiner Ankunft habe ich in einer vorübergehenden Unterkunft für überwiegend ukrainische Menschen ausgeholfen. Dort habe ich sehr unterschiedliche Geschichten über die Ankunft in Deutschland gehört. Während einige von ihnen zunächst wochenlang in provisorischen Lagern untergebracht waren, bekamen andere schon nach kurzer Zeit ein festes Zimmer in einem Wohnheim oder konnten sogar in eine normale Wohnung umziehen.  

Wir hatten also wirklich Glück, dass wir nach so einer kurzen Reise gemeinsam in einer Wohnung in einem kleinen Dorf im Kreis Plön unterkommen konnten. Von den Menschen hier wurden wir sehr herzlich empfangen, und sie unterstützen uns, wo sie nur können. Der Registrierungsprozess und die ganze Bürokratie hier sind zwar sehr langwierig und nicht immer kund*innenfreundlich, aber dafür sind die menschliche Unterstützung und das Mitgefühl der Bevölkerung sehr groß.

Kannst Du uns mehr über die Situation in der Notunterkunft erzählen?

Die Unterbringung der Menschen verlief sehr chaotisch. Zwei Tage nach meiner Ankunft in Plön erfuhr ich, dass etwa hundert Geflüchtete aus der Ukraine in die benachbarte Stadt Preetz gebracht worden waren und dort sprachliche Unterstützung dringend benötigt wurde. Mit anderen geflüchteten Leuten bin ich sofort nach Preetz zur Turnhalle gefahren, die als Notunterkunft eingerichtet worden war. Dort trafen wir sowohl auf Familien als auch auf Einzelpersonen jeden Alters. Mehrheitlich waren es Frauen, jedoch waren auch ein paar Männer dabei, die die Ukraine verlassen durften, weil sie Väter von mehr als drei Kindern sind oder ein Familienmitglied mit Behinderung begleiten. All diese Menschen, darunter auch einige Kinder, Babys, schwangere Frauen und Menschen mit Behinderungen, hatten lediglich ein Klappbett für sich in dieser Turnhalle. Einige von ihnen waren gerade erst in Deutschland angekommen, andere schon seit Wochen im Land unterwegs. Eine Familie erzählte mir, dass sie über mehrere Wochen in einer anderen Stadt provisorisch untergebracht war und ihre Kinder dort schon regelmäßig zur Schule gingen. Sie hatten erst einen Tag vor der Abfahrt nach Preetz erfahren, dass sie umverteilt werden.

Viele der Menschen in der Turnhalle waren total desorientiert und wussten nicht, wie lange sie nun an diesem Ort bleiben würden. Keiner aus dem örtlichen Organisationsteam konnte erklären, wie die nächsten Schritte aussehen und wann die offizielle Registrierung beginnen würde. Zunächst waren ich und andere Ukrainer*innen und russisch-sprachige Freiwillige vor allen Dingen da, um zwischen den Neuankömmlingen und den Helfer*innen vom DRK, der Feuerwehr und dem Notfalldienst zu übersetzen. Ein paar Tage später kamen dann Mitarbeitende des Landkreises und der zuständigen Ausländerbehörde zur Turnhalle und begannen mit der Registrierung. Ich war fast jeden Tag vor Ort, um mit den Menschen zu sprechen und sie bei der Kommunikation mit den deutschen Mitarbeitenden zu unterstützen. Auch bei Arztterminen und Krankenwagenfahrten habe ich sie begleitet.

Von den etwa hundert Menschen konnten einige zum Glück schon nach einer Woche in nahe gelegene Wohnungen umziehen. Das wurde wirklich gut organisiert, zumal man bedenken muss, dass kleine Städte und Gemeinden natürlich nicht hundert freie Wohnungen auf einmal zur Verfügung haben, die sie auch direkt mit allen notwendigen Möbeln ausstatten können. Etwa dreißig weitere Leute konnten gleichzeitig schon in richtige Zimmer in einer Jugendherberge einziehen und dortbleiben, bis weitere Wohnungen fertig waren. Mittlerweile konnten auch alle anderen in eine Wohnung umziehen, und die Turnhalle ist leer. Viele von diesen Leuten habe ich auch in Plön oder Lütjenburg wieder getroffen. Sie fühlen sich hier jetzt viel sicherer und ruhiger.

Bist Du aktuell noch als freiwillige Helferin aktiv?

In Kürze werden erneut geflüchtete Menschen aus der Ukraine in eine nahe gelegene Stadt umverteilt. Das zuständige Deutsche Rote Kreuz hat diesmal auch feste Arbeitsstellen ausgeschrieben, um bei der Ankunft zu unterstützen, und ich habe eine Bewerbung dafür eingereicht.

In der Gemeinde, in der ich wohne, war ich kürzlich auch bei einem Vernetzungstreffen der Feuerwehr dabei. Dort haben sich alle Leute versammelt, die weiter freiwillig mithelfen wollen oder die schon geflüchtete Leute bei sich aufgenommen und Fragen haben. Bei dem Treffen waren auch Mitarbeitende der städtischen Verwaltung dabei, die erzählt haben, dass noch weitere Menschen aus der Ukraine in den Landkreis Plön kommen werden. Deshalb haben sie eine Liste erstellt mit allen Menschen, die aktuell Hilfe leisten können. Da habe ich mich natürlich auch als Helferin und Übersetzerin angemeldet. Außerdem muss ich meine Angehörigen hier zu vielen Terminen begleiten und übersetzen.

Darüber hinaus sind wir Teil einer Plöner Freiwilligengruppe, die für uns eine Art Freund*innenkreis geworden ist. Zunächst waren dort Ukrainer*innen aktiv, die auch schon vor dem Krieg hier lebten. Sie haben sich sofort nach Kriegsausbruch zusammengeschlossen und auch ihre deutschen Nachbar*innen und Freund*innen mobilisiert. Wir haben gemeinsam viele Spenden gesammelt und in LKWs geladen, um diese in die Ukraine zu schicken. Aus unserer Freiwilligengruppe sind seitdem schon viele Initiativen erwachsen. Aktuell bereiten wir zum Beispiel ein Benefizkonzert* vor, bei dem auch meine beiden Schwestern dabei sein werden: Die eine übt zurzeit einen Tanz mit anderen Mädchen aus der Ukraine. Die andere wird auf einem Akkordeon spielen, was sie kürzlich erst geschenkt bekommen hat.

Also es gibt hier wirklich viel zu tun. Und dabei ist es besonders hilfreich, dass wir in einer Kleinstadt leben und hier so einen engen menschlichen Kontakt haben. Man trifft dieselben Leute im Supermarkt oder in der Innenstadt wieder. Unsere Ideen werden begrüßt und direkt unterstützt.

Wie sieht der Alltag der geflüchteten Menschen in Plön mittlerweile aus?

Durch die Initiativen unseres Ukraine-Freund*innenkreises sind viele konkrete Angebote entstanden, die gerne genutzt werden. Beispielsweise können sie an Aktivitäten der Sportvereine teilnehmen. In der Stadtbücherei findet jeden Dienstagmorgen ein Familientreffen statt, bei dem Mütter ins Gespräch kommen und Deutsch lernen können. Außerdem spenden nicht nur Privatpersonen, sondern auch viele Geschäfte weiterhin Kleidung, Haushaltsgegenstände oder auch Bücher. Für Familien werden von uns regelmäßig Ausflüge organisiert. Während der Osterfeiertage gab es besonders viele Aktivitäten, wie zum Beispiel ein gemeinsames Eiersuchen, eine schöne Gelegenheit um diese deutsche Tradition kennen zu lernen.

Die Kinder haben in den ersten Wochen ausschließlich Deutschunterricht in den Schulen gehabt. Seit einigen Wochen können sie schon ein paar Stunden am regulären Unterricht teilnehmen. Gleichzeitig wird vom ukrainischen Bildungsministerium nach wie vor Online-Unterricht angeboten, sodass alle ukrainisch sprechenden Kinder unabhängig von ihrem Aufenthaltsort auch auf Ukrainisch weiterlernen und sogar Tests und Klausuren schreiben können. Dieses Angebot ist vor allem für die Kinder wichtig, die bis heute nicht in eine deutsche Schule gehen können. Das betrifft zum Beispiel den 12-jährigen Sohn meiner Verwandten, die vor über einem Monat in einem kleinen Ort in Süddeutschland angekommen sind. Dort sind noch nicht genügend geflüchtete Kinder seines Alters angekommen, um eine neue Klasse aufzumachen. Sein Name steht also seit Wochen auf einer Warteliste. Und so lange er auf die Einschulung wartet, kann er zumindest am Online-Unterricht aus der Ukraine weiter teilnehmen. Wenn es dieses Angebot nicht gäbe, müsste er wahrscheinlich ein Schuljahr wiederholen.

Wie reagiert die örtliche Bevölkerung auf die neuen Stadtbewohner*innen?

Ich muss sagen, dass wir fast ausschließlich gute Erfahrungen gemacht haben. Viele Leute zeigen Mitgefühl, bieten Hilfe an und versuchen trotz der Sprachbarriere ins Gespräch zu kommen. Unsere Nachbar*innen haben uns schon mehrfach eingeladen und viele Tipps zur Umgebung hier gegeben. Gleichzeitig gibt es hier auch Menschen, die unter starkem Einfluss der russischen Propaganda stehen, obwohl sie schon seit Jahrzehnten hier in Deutschland leben. Sie versuchen uns, die wir gerade aus dem Krieg kommen, zu erklären, dass die Ukraine nicht von russischen Soldaten angegriffen werde, sondern von den eigenen Separatisten. Da ich durch meine Arbeit schon viel Erfahrung im Umgang mit solchen Aussagen gesammelt habe, kann ich in Situationen wie diesen glücklicherweise ruhig reagieren. Aber für viele ukrainische Kriegsgeflüchtete ist diese Konfrontation aktuell natürlich sehr schwer. Und leider gibt es solche Diskussionen auch unter den Kindern in der Schule, weshalb wir mit unseren Kindern viel sprechen und erklären müssen, wie sie auf solche Situationen reagieren können. Ich würde mir wünschen, dass die Schulen bei solchen Vorfällen und Provokationen mehr eingreifen würden. Sie sollten auch mehr darüber aufklären, dass Kinder, die aus der Ukraine kommen, in den letzten Wochen schreckliche Dinge gesehen und erlebt haben.

Wie sehen deine nächsten Schritte aus?

Mein Plan für die nächsten Wochen ist noch nicht sehr klar. Aber ich weiß zumindest, wo ich territorial verortet sein werde. Wir müssen zwar aus unserer jetzigen Wohnung ausziehen, haben aber zum Glück durch unseren aktuellen Vermieter schon eine neue Wohnung in Plön finden können. Ansonsten werde ich weiterhin meine Sprachkompetenzen an jeder möglichen Stelle anbieten und bei der KAS arbeiten, auch wenn viele Projekte, die wir von unserem Charkiver Büro gestartet haben, aktuell ausgebremst sind. Wir werden unsere Partner*innen dort durch humanitäre Hilfe bestmöglich unterstützen. Und ich werde natürlich auch weiterhin meine Familienmitglieder im Ankommensprozess begleiten. Das hält mich aufrecht, denn dadurch habe ich viel zu tun und bleibe immer in Bewegung. Was sollte ich auch sonst tun? Einfach vor meinem Laptop sitzen und Nachrichten lesen?

*Das Benefizkonzert wird am 24. Juni 2022 um 19:00 Uhr im Rittersaal des Plöner Schlosses stattfinden.

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