ONE-Kampagne „Armut ist sexistisch" Ein Bericht von Sina Gussek

Sina Gussek ist seit diesem Jahr Jugendbotschafterin der Entwicklungsorganisation ONE und ehemalige studentische Hilfskraft bei der EAF Berlin. Hier erzählt sie, was sie dazu bewegt, sich gegen extreme Armut und die Rechte von Frauen und Mädchen einzusetzen.

Das erste Mal geahnt, was extreme Armut für Frauen bedeutet, habe ich, als ich gerade mal 16 Jahre alt war. Voller Vorfreude hatte ich damals alle meine Zelte in Deutschland abgebrochen, um ein Jahr in Venezuela zu leben. Die Vorstellung von meinem Auslandsjahr beschränkte sich damals noch auf viel Strand, gutem Wetter und leckerem Essen. Doch mein Austausch hat mir schon in jungen Jahren viel mehr beigebracht.

Häusliche Gewalt     

Eines morgens hörte ich wie Petra, die Haushaltshilfe meiner Gasteltern, das Haus betrat. „Buenas días Petra“, nuschelte ich in mich hinein, mehr schlafend als wach. Als ich keine Antwort bekam, schaute ich auf: Obwohl sie ihren Kopf wegdrehte, war das blaue Auge nur schwer zu übersehen. Auf dem Weg zur Schule im Auto suchte ich das Gespräch mit meiner Gastmutter. „Warum hatte Petra heute das blaue Auge?“, fragte ich in meiner direkten Art. „Ihr Mann schlägt sie, Sina. Aber das ist nicht unser Problem. Er ist der Mann im Haus“. Von dieser Direktheit war sogar ich überrascht. So kam es, dass ich nichts mehr dazu sagte, nie wieder. Ich hatte damals Angst als „die 16-jährige weiße Europäerin“ wahrgenommen zu werden, die den Venezolaner*innen erzählen will, was richtig und falsch sei. Was sollte Petra auch machen mit ihrem geringen Verdienst? Ihren Mann verlassen und ihre Kinder alleine aufziehen? Das schien mir unmöglich.

Strukturelle Barrieren

Fünf Jahre später sollte mich das Fernweh erneut packen. Mein neues Ziel: Pune, Indien. In der Zeit am Women Study Center der örtlichen Universität, durfte ich viel von meinen Professorinnen, Kommiliton*nnen und Freund*innen lernen. Hier konnte ich aus erster Hand erfahren, welchen strukturellen Hindernissen sich Frauen in Indien tagtäglich stellen müssen. Und ich konnte viel über inspirierende Frauen lernen, die in Indien für die Beseitigung eben dieser Hindernisse kämpfen.  

Sexismus überall: Zahlen lügen nicht

Natürlich lassen sich Frauen und ihre Probleme weder in Venezuela noch in Indien oder Deutschland über einen Kamm scheren, doch ich erkannte ein Muster. Egal wo auf der Welt: Armut ist sexistisch! Weltweit gehen Frauen weniger Erwerbstätigkeiten nach, sind schlechter bezahlt als Männer und sind seltener in Macht- und Entscheidungspositionen zu finden. Im Alter zwischen 25 bis 34 Jahren kommen weltweit auf 100 Männer 122 Frauen in extremer Armut. 

Statistiken zeigen zudem: Je ärmer ein Land ist, desto eher wird Mädchen der Zugang zu Bildung verwehrt. In Subsahara-Afrika können oder dürfen 52 Millionen Mädchen nicht zur Schule – verglichen mit 45 Millionen Jungen. Dabei ist Bildung der Schlüssel, um aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen. Mit jedem zusätzlichen Schuljahr steigt das künftige Einkommen von Mädchen durchschnittlich um zwölf Prozent.  

In über 150 Staaten gibt es Gesetze, die die wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit für Frauen einschränken; 104 Länder schließen immer noch Frauen per Gesetzt explizit von bestimmten Berufen aus. In 18 Staaten ist es Ehemännern sogar gesetzlich erlaubt, ihren Ehefrauen die Ausübung eines Berufes zu untersagen. In einem Staat, in dem solche Gesetze zum Tragen kommen, werden Frauen nicht nur der Chance beraubt, sich zu entfalten. Sie werden auch in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von Männern gedrängt.

Gerechtigkeit geht alle an

Würde ich heute wieder so handeln und die Misshandlung einer Frau wortlos stehen lassen? Sicher nicht - aber ich kann mir keine Zeitmaschine bauen. Was ich tun kann, ist hier und heute ein klares Zeichen gegen Sexismus und Armut zu setzten  denn beides hängt zusammen. Daher bin ich seit diesem Jahr Jugendbotschafterin von ONE. ONE ist eine entwicklungspolitische Lobby- und Kampagnenorganisation, die sich überparteilich für die Bekämpfung von extremer Armut und vermeidbaren Krankheiten einsetzt.

Im Dialog mit der Öffentlichkeit und politischen Entscheider*innen setzen wir uns für kluge und effektive Politikansätze und Programme ein, um Krankheiten wie HIV, Tuberkulose und Malaria zu bekämpfen. Außerdem treten wir für Geschlechtergleichstellung ein und dafür, mehr Transparenz bei Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zu schaffen.

Zusätzliche Informationen

Weitere Informationen zur Kampagne „Armut ist sexistisch“ und die Petition für die G 20- Vertreter*innen finden Sie hier.

Über die Autorin:

Sina Gussek hat einen Bachelorabschluss in Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen erhalten und ist aktuell Studentin an der Eberhard Karls Universität Tübingen, wo sie den Masterstudiengang „Friedensforschung und Internationale Politik“ belegt. Die Pause zwischen Bachelor und Master nutze sie, um ein Praktikum bei der EAF Berlin zu machen. Neben ihrem Studium arbeitet sie als studentische Hilfskraft an dem Projekt „Transformation gewaltzentrierter Männlichkeit nach bewaffneten Konflikten“ der Universität Tübingen.

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