Interview mit Aleksandra Dulkiewicz Stadtpräsidentin von Danzig

Das EU-geförderte Projekt Mayoress der EAF Berlin unterstützt und vernetzt Frauen in kommunalpolitischen Führungspositionen in Deutschland, Frankreich, Österreich und Polen. EAF-Expert Anna Stahl-Czechowska interviewte in diesem Rahmen die erste Stadtpräsidentin von Danzig, Aleksandra Dulkiewicz. Wie beurteilt sie die Rolle der Frauen in der polnischen Politik?

Bild: R.Dąbrowska

Im August dieses Jahres feiern wir den 40. Jahrestag der Danziger Abkommen, die zur Gründung der Gewerkschaft Solidarność geführt haben. Was bedeuten Solidarność und Demokratie heute für Sie?

Ich war ein Jahr alt, als in der Danziger Lenin-Werft der große Streik ausbrach und die Arbeiter durch ihre Entschlossenheit die kommunistischen Machthaber zu Gesprächen an einem Tisch zwangen, als Gleichberechtigte, ohne Blutvergießen. Mein Familienhaus befand sich in der Nähe, meine Mutter ging mit mir im Kinderwagen zum Werfttor. Ich kann mich nicht an diese Zeit erinnern, aber ich betrachte die Solidarność als mein Erbe, sie ist meine Identität. Ich bin in einem Zuhause aufgewachsen, in dem Politik eine große Rolle spielte, meine Eltern waren oppositionelle Aktivisten der Bewegung Junges Polen, die Worte: Demokratie, Freiheit, Menschenrechte... wurden durch alle Fälle dekliniert.

Und fragen Sie jetzt nach der Solidarność oder der Solidarität? Zuerst die Solidarität... Heute ist Solidarität für mich eine Tugend, die die Gemeinschaft zusammenschweißt, ein untrennbarer Bestandteil der Beziehungen, die Menschen miteinander verbinden. Demokratie ist für mich wie die Luft – wir wissen nicht einmal, dass wir sie atmen – sie ist lebensnotwendig und lebensspendend. Was die Solidarność angeht, die Gewerkschaft, so hat sie eine wichtige Rolle zu spielen, heute jedoch sympathisiert sie – meiner Meinung nach – zu sehr mit der Regierung, um ihre Unabhängigkeit und Selbstverwaltung, die den Arbeitern im August 1980 so teuer waren, aufrechterhalten zu können.

 
Auch viele Frauen waren in der Solidarność-Bewegung aktiv. Wie beurteilen Sie die Beteiligung von Frauen in der heutigen Politik? 

Immer mehr Frauen sind in der internationalen, aber auch in der polnischen Politik aktiv. In den polnischen Kommunalverwaltungen, im Sejm, im Senat, in den Vorständen von Firmen oder Großunternehmen sind zunehmend Frauen vertreten. Zum ersten Mal in dieser Amtszeit werden auch Frauen als Vertreterinnen Polens im Europäischen Ausschuss der Regionen repräsentiert, von der Stadtpräsidentin von Łódź und von mir selbst. In Polen gibt es immer noch lebhafte und aktuelle Auseinandersetzungen darüber, wie man von einer Frau, die Präsident oder Minister ist, sprechen soll – prezydentka (Präsidentin), ministra (Ministerin)?[1] Dies beweist, dass die Frau in der Welt der Politik immer noch eine neue und keine vertraute Erscheinung ist.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich selbst Politiker nicht in Frauen und Männer unterteile, sondern in solche, die an Ideen glauben, und welche, die nicht ideell denken, in solche, die fleißig oder faul sind, und die langfristig oder kurzsichtig denken... Obwohl man nicht umhinkommt, wahrzunehmen, dass weibliche Eigenschaften dieser männlichen Welt guttut. Ich betrachte Frauen als dialogoffener, versöhnlicher und bereiter, sich zu verändern.


Was hat Ihr politisches Engagement veranlasst? 

Mein Glauben an die Zivilgesellschaft und meine Sorge um öffentliche Angelegenheiten wurden mir zu Hause eingeimpft. Ich glaube an die treibende Kraft der Veränderung zum Besseren. Schon von klein auf habe ich mich ehrenamtlich engagiert. In der Schule war ich Klassensprecherin und Vorsitzende der Schülervertretung. Nachdem Polen der Europäischen Union beigetreten war, ging ich in den Sommerferien in die englische Stadt Blackpool, um dort in einer Bar zu arbeiten. Nach einer Woche wollten sie mich dort zur stellvertretenden Managerin machen. Irgendwie werde ich auf natürliche Weise zur Führungspersönlichkeit...

Ich weiß nicht, wie mein Schicksal in der Kommunalverwaltung verlaufen wäre, wenn der tragische Tod von Präsident Paweł Adamowicz mich nicht in der Position seiner ersten Stellvertreterin vorgefunden hätte. Ich verspürte die Pflicht, eine Schuld, die es zu bezahlen galt, ich spürte, dass er es gewollt hätte. Ich habe mich zur Wahl gestellt, und die Bürger gaben mir einen großen Vertrauenskredit.


Gab es Menschen, die Sie unterstützt haben? Was war der beste Rat, den Sie während Ihres politischen Engagements erhalten haben?

Ich habe großes Glück mit Menschen! Auf meinem Weg traf ich viele weise, sensible Menschen, die bei mir waren und es weiterhin sind. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich Politik als umsichtige Sorge um das Gemeinwohl und das Wohlergehen des Einzelnen betrachte.

Ich glaube auch an Entwicklung durch Lektüre und unaufhörliche Arbeit, damit der Mensch nicht verhärtet. Und der beste Rat, den ich erhalten habe, ist einfach: Umgib dich mit Menschen, die klüger sind als du selbst und schöpfe daraus, höre so viel wie möglich zu.

 

Welche Frauenförderprojekte in Danzig sind für Sie jetzt besonders wichtig?

- Wir führen in Danzig viele Projekte durch, die direkt oder indirekt an Frauen gerichtet sind. Es ist für mich wichtig, Behandlungen zur künstlichen Befruchtung zu bezuschussen, ich habe dieses Projekt umgesetzt, während ich noch die Funktion der stellvertretenden Stadtpräsidentin innehatte. Danzig ist die erste Stadt in Pommern, die beschlossen hat, die Familiengründung ihrer Einwohner zu unterstützen. Seit 2017 wurden bereits 253 Kinder geboren, und 75 Frauen sind momentan schwanger. Als Gemeinde finanzieren und ko-finanzieren wir viele Projekte und Nichtregierungsorganisationen, die den Auftrag haben, Frauen zu unterstützen und zu motivieren. Im Interesse der beruflichen Aktivierung von Frauen erhöhen wir jedes Jahr die Zahl der Kinderkrippen- und Kindergärtenplätze. Eine wirkliche Notwendigkeit in Zeiten der Pandemie, die uns in unseren vier Wänden eingeschlossen hatte, bestand darin, effiziente Hilfe für Frauen in Gang zu setzen, die mit verschiedenen Formen häuslicher Gewalt zu kämpfen haben.

 
Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die sich in der Kommunalpolitik engagieren wollen?

- Hört auf euch selbst, und nicht auf die Kritiker und Nörgler, die euch von etwas abraten, euch entmutigen und warnen. Habt keine Angst, glaubt an Eure eigene Stärke und an die Möglichkeit, die Welt zum Besseren zu verändern! Beginnt mit dem Bezirksrat oder der Schülervertretung, das ist eine großartige Möglichkeit, um zu lernen. Wenn ihr Appetit auf mehr bekommt, kandidiert für den Stadtrat. Kommunalpolitik kann auch in lokalen kommunalen Organisationen oder Aufgabenteams umgesetzt werden, wie zum Beispiel in unseren Danziger Teams für Gleichbehandlung oder für die Integration von Migranten. Je mehr Menschen mit einer Mission und Leidenschaft es gibt, desto besser werden wir alle zusammenleben.


Für mich sind die Kommunalverwaltungen heute das Herz Polens. Vor welchen Chancen und Herausforderungen stehen sie heute, 30 Jahre nach den ersten freien Kommunalwahlen?

- Ja, Kommunalverwaltungen sind ein großer Reichtum. Die Reform der Kommunalverwaltung gilt allgemein als die am besten durchgeführte und fruchtbarste in der freiheitlichen Leistung Polens.

Ich bedauere jedoch, sagen zu müssen, dass die Regierung von Recht und Gerechtigkeit (PiS) sehr kommunalfeindlich ist. Unsere Kompetenzen und unser Geld werden eingeschränkt, alles, was nur möglich ist, wird zentralisiert, die Regierenden führen ohne Konsultationen Gesetze ein, die direkt das Funktionieren der lokalen Gemeinschaften betreffen. Wir Kommunalpolitiker sagen deutlich, dass uns das nicht gefällt, und dass wir konkrete Ideen haben, wie die entsprechende Rolle der Selbstverwaltung wiederhergestellt werden kann, wie z.B. die Beziehungen zwischen einem Woiwoden und einem Woiwodschaftsmarschall geregelt werden können. Mir tut es leid, dass ich so viel Energie für nichtkonstruktive Gefechte mit der Zentralregierung vergeuden muss, welche die Macht der Mehrheit nutzt, denn es ist schwierig, das vorgeschlagene Modell als partnerschaftlichen Dialog zu bezeichnen. 

Es gibt sehr viele Herausforderungen. Die Kommunalhaushalte haben enorm unter der Pandemie gelitten, und bereits zu Beginn des Jahres haben wir finanzielle Probleme signalisiert, die aus der Änderung der staatlichen Steuerpolitik resultierten und die Kommunalverwaltungen belasten. Mir liegt das Wohlergehen aller Bürger meiner Stadt am Herzen, und dieses ist jetzt bedroht. Sehr beunruhigend ist die Position der Regierung, einschließlich des Präsidenten der Republik Polen, gegenüber der LGBTQ+-Community. Sie nimmt ihr das Gefühl der Sicherheit, duldet Akte der Aggression, dies führt zu Depressionen, manchmal zu Selbstmorden oder dramatischen Entscheidungen über Auswanderung aufgrund der sexuellen Orientierung. Inakzeptabel sind die wachsenden nationalistischen Bewegungen, das Spalten der polnischen Gesellschaft, und dass versucht wird, alle nach einer Form zuzuschneiden, auszugrenzen und aufzuhetzen. Es ist unmöglich, in einer solchen Atmosphäre gut zu leben. Ich glaube, dass wir vor Ort in der Stadt eine große Arbeit für die Würde jedes Einzelnen von uns leisten müssen.

Polen ist in zwei Hälften, oder vielleicht sogar in Viertel zerrissen, wie kann man es wieder zusammenkleben? Jeden Tag suche ich nach einer Antwort auf diese Frage.


Was können Frauen als Bürgermeisterinnen in der Europäischen Union gemeinsam für die Gleichstellung und die gemeinsamen europäischen Werte tun?

- Im August 1980 hing über dem Werfttor ein Transparent mit der Parole: „Proletarier aller Werke vereinigt euch! Und Schriftsteller, Landwirte oder Produzenten von Weidenkörben werden nicht eingeladen?“ Ich muss immer noch über diesen spöttischen Slogan lächeln, der das „Kommunistische Manifest" von Marx und Engels paraphrasiert. Eine andere Streiklosung ist mir viel näher, nämlich jene, die Arbeiter an der die Werft umgebenden Mauer aufgehängt haben: „Lasst uns zusammenhalten."

Frauen können ebenso viel Gutes für die Gleichstellung und gemeinsame europäische Werte tun wie Männer, und am besten wäre, wenn wir alle unsere Kräfte vereinen. Ich bin weit davon entfernt, eine Koalition der Ausgeschlossenen bilden zu wollen. Am besten ist es, Verbindungen zugunsten von Ideen zu entwickeln, die niemanden ausschließen, die jeden mit der gleichen Begeisterung aufnehmen und auf vielen verschiedenen Kompetenzen aufbauen. Also lasst uns zusammenhalten.

 

Mehr Informationen zum Projekt und weitere Interviews mit interessanten Kommunalpolitikerinnen finden Sie auf:

www.mayoress.org


[1] In Polen haben sich diese femininen Formen noch nicht durchgesetzt, in der polnischen Sprache gestaltet es sich auch etwas schwieriger als im Deutschen. (A.d.Ü.)

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