Hausfrau wider Willen Ein Bericht zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf Frauen in Polen

Der konservativen PiS-Regierung scheint die Pandemie gut ins Konzept zu passen; denn die verhängten Maßnahmen drängen erwerbstätige Frauen zurück ins Haus und festigen die Rolle des Familienernährers. Von Anna Stahl-Czechowska, Expert der EAF Berlin.

Foto: Catt Liu/Unsplash

Wir haben schon gute drei Wochen der Pandemie hinter uns. In Polen wie in Deutschland beeinflusst das Virus Sars-Cov-19 die Gesellschaft. Mehrfach wurde von Journalistinnen und Geschlechterforscherinnen bereits darauf hingewiesen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie Frauen anders treffen werden als Männer. Die alten längst überholten Rollenbilder greifen in Polen dank des konservativen Familienbildes der PIS-Regierung sehr scharf und könnten über die Zeit der Pandemie fortbestehen bleiben.

In Polen wurde in vielen Fällen die Arbeit nach Hause verlagert. Seit drei Wochen ist das Zuhause "Home und Office" in einem. Die Rolle, die dabei Frauen spielen, ist enorm. Sie sind hauptsächlich dafür verantwortlich, dass dort alles gut läuft. Sie kümmern sich um die Einkäufe, Kochen, Putzen und machen Homeschooling. Viele Familien leben auch mit den Großeltern unter einem Dach und natürlich sind es die Frauen, die sie versorgen.

Viele Frauen verlieren gerade jetzt ihre Krankenversicherung

Verkäufer*innen, Pflegenden, aber auch Lehrer*innen, die das jetzt durch Online-Unterricht ihren Lebensunterhalt sichern müssen, sind in Polen zum Großteil Frauen. Diese Berufe sind sehr schlecht bezahlt. Im Dienstleistungsbereich, welcher auch Frauen betrifft, werden oft sogenannten "Müllverträge" abgeschlossen, die so heißen, weil sie das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Diese bieten keinen Kündigungsschutz und je nach Art des Arbeitsvertrages nicht immer eine Kranken- sowie Arbeitslosenversicherung. Wenn diese Frauen an Covid-19 erkranken, müssen sie ihre ärztliche Behandlung selbst zahlen. Das gilt auch genauso für die vielen Frauen, die jetzt ihre Jobs - und damit ihre Krankenversicherung - verlieren. Nicht immer haben sie ein Recht auf ein Arbeitslosengeld und damit eine Krankenversicherung, wenn sie nicht festangestellt wurden.

Auch für selbstständige Frauen ist die Situation bedrohlich. Ende März verabschiedete das polnische Parlament über Nacht ein Gesetzespaket, das vor allem polnischen Unternehmer*innen jeglicher Größe in dieser sehr schwierigen Situation helfen sollte. Eigentlich eine gute Idee. Doch um die Förderung zu beantragen, braucht es viel Geduld und administratives Talent. Es ist zu befürchten, dass das Geld erst bei den Bedürftigen ankommt, wenn es zu spät ist. Dann werden vor allem kleinere Betriebe wie Kosmetik- und Friseursalons nicht mehr existieren und die Frauen werden arbeitslos.

Arbeitnehmer*innenrechte werden ausgehebelt

Eine Maßnahme des Paketes scheint besonders widersinnig: Für die Zukunft "nach Corona" sollen die arbeitszeitrechtlichen Bestimmungen ausgehebelt werden; die Arbeitszeit könnte bei einigen Unternehmen auf 12 Stunden am Tag ausgedehnt werden. Zwar sollen diese Überstunden dann wieder ausgeglichen werden, doch Gewerkschaften fürchten, dass hier Arbeiternehmer*innenrechte ausgehebelt werden. Und überhaupt stellt sich die Frage, wer es überhaupt schafft jeden Tag 12 Stunden zu arbeiten gerade bei Frauen, die sich in Polen noch überwiegend um den Haushalt, Kinder und Eltern kümmern. Diese Maßnahme ist kontraproduktiv, hilft bei den jetzigen Problemen nicht und wird in Zukunft neue schaffen. Denn in der Regel werden es die Männer sein, die dann noch weniger Zeit für die Familie aufbringen können - und es werden die Frauen sein, die sich um Familie und Haushalt kümmern. Von alleinerziehenden Frauen mal ganz abgesehen.

Wie in allen von der Pandemie betroffenen Ländern, wurde auch in Polen das öffentliche Leben auf ein Minimum reduziert. Die Polizei hat mehr Macht bekommen und wer gegen die Verbote verstößt, dem droht ein ziemlich hohes Bußgeld. Häusliche Gewalt, die in Polen nur aufgrund des zivilgesellschaftlichen Engagements von Feministinnen überhaupt thematisiert wird, ist aktuell auch kaum im öffentlichen Diskurs präsent, frei nach dem Motto: "So etwas gibt es bei uns nicht, dann müssen wir uns auch nicht darum kümmern."

Die EU sollte jetzt die polnischen Frauenorganisationen unterstützen

Doch wenigstens auf die Nichtregierungsorganisationen, ist weiterhin Verlass. Sie leisten Enormes, auch jetzt mit den wenigen Mitteln, die ihnen geblieben sind. Frauenzentren, Frauenorganisationen unterstützen Frauen über Hotlines oder auf dem digitalen Weg in sozialen Medien. Sie haben sich trotz der Ausgabenkürzungen der letzten Jahre behaupten können. Mit juristischer Beratung, für diejenigen, die nun plötzlich ihren Job verloren haben. Mit Tipps, wie man den Alltag bewältigt, ohne mit den Kindern ausgehen zu dürfen. Mit Unterstützung und psychologischer Beratung für Betroffene von häuslicher Gewalt.

Und genau hier könnte die EU bei den genderspezifischen Problemen, die in der Coronakrise sichtbarer geworden sind, anpacken: Eine gezielte und unbürokratische finanzielle Hilfe für die zivilgesellschaftlichen Organisationen würde diese wichtige Arbeit wirksam unterstützen und würdigen.

Die Sars-Cov-19-Pandemie gibt uns die Chancen, die ungleiche Verteilung von Macht und Ressourcen zwischen Frauen und Männern in Polen noch mal genauer zu betrachten. Ob eine Antwort in Form einer materiellen, direkten Unterstützung kommt, werden wir sehen. Es ist Zeit für eine Solidarität zwischen den Frauen auf europäischer Ebene, die nicht nur bei Worten bleibt, sondern sich auch in den Taten zeigt.

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