"Lugano hat mir Hoffnung gemacht" Gespräch mit Liliya Kislitsyna

Unsere Projektpartnerin hat an der internationalen Ukraine-Wiederaufbau-Konferenz teilgenommen, die vom 4. bis 5. Juli im schweizerischen Lugano stattfand.

Ukrainische Delegierte auf der Lugano-Konferenz: Liliya Kislitsyna 3.v.r. (Foto: privat)

Liliya, wie bist du nach Lugano gekommen?

Als Teil einer fünfköpfigen Delegation von Frauen, die verschiedene ukrainische NGOs vertraten. Wir wurden vom Ukrainian Women's Fund und der kanadischen Regierung unterstützt. Ich wurde als Vorsitzende der Frauenorganisation Smarta eingeladen. Als ich die Einladung erhielt, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt fahren sollte, weil hier Krieg herrscht und ich lieber hierbleiben wollte. Aber weil Lugansk und Lugano so ähnlich klingen, habe ich das als Zeichen genommen, dass ich teilnehmen sollte. Denn um die ukrainische Stadt Lugansk wurde damals gekämpft, und im schweizerischen Lugano wurde über unsere Nachkriegszukunft diskutiert. Ich war so stolz auf die Ukraine und gleichzeitig so traurig und so wütend über die Situation im Donbass.

Was sind für dich die wichtigsten Punkte der sieben "Lugano-Prinzipien", die auf der Konferenz verabschiedet wurden?

Alle Grundsätze sind gleichermaßen wichtig. Als Mitglied der ukrainischen Frauenbewegung unterstütze ich jedoch insbesondere den sechsten Grundsatz "Gleichstellung und Einbeziehung der Geschlechter". Darin heißt es, dass der Wiederaufbau integrativ sein und sowohl die Gleichstellung der Geschlechter als auch die Menschenrechte, einschließlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, berücksichtigen sollte. Der Wiederaufbau sollte allen zugutekommen und niemanden zurücklassen. Ungleichheiten müssen abgebaut werden. Es ist ein Grundsatz, der alle anderen Grundsätze durchdringen sollte.

An der Konferenz nahmen Vertreter*innen aus 40 Ländern teil. Wie hoch war schätzungsweise der Anteil der Frauen dort?

Ich konnte sie nicht zählen. Aber es war deutlich weniger als die Hälfte, vielleicht ein Drittel. Auch in der ukrainischen Delegation gab es nur wenige Frauen.

Habt ihr euch darüber anschließend beschwert?

Nein, denn wir haben immer noch sehr wenige Frauen in der Regierung. Aber in Zukunft wird sich das natürlich ändern.

Waren unter den Hauptakteur*innen Frauen aus anderen Ländern?

Ursula von der Leyen war die Eröffnungsrednerin. Ich erinnere mich auch an eine Vertreterin der Weltbank, die sich für eine finanzielle Unterstützung der Ukraine aussprach, da das Land sonst nicht überlebensfähig sei. Unter den Redner*innen befanden sich auch andere Frauen in hohen Positionen in ihren Ländern.

Was hat dich auf der Konferenz besonders beeindruckt?

Vor der eigentlichen Konferenz fand ein NGO-Forum an der Universität Lugano statt, bei dem deutlich wurde, welch wichtige Rolle die Zivilgesellschaft beim Wiederaufbau des Landes spielt. Es war für mich sehr wichtig, auch diese Stimmen zu hören, nicht nur die der Regierungen. Es gab den ganzen Tag über so viele Informationen und von morgens bis abends Networking.

Ich erinnere mich auch daran, wie der ukrainische Ministerpräsident Denis Schmigal über die 750 Milliarden US-Dollar sprach, die für den Wiederaufbau des Landes benötigt werden, und vorschlug, dass dieses Geld aus dem Vermögen der russischen Oligarchen genommen werden könnte. Der Schweizer Bundespräsident erhob keine Einwände, betonte aber, dass dies nur möglich sei, wenn alle Gesetze eingehalten werden. In der Tat könnte der Wiederaufbau viel mehr Geld kosten, als derzeit veranschlagt wird. Sehr wichtig war die Übereinkunft, dass der Wiederaufbau des Landes sofort beginnen sollte, nicht erst nach dem Krieg, denn die Verwaltung und Versorgung der Bevölkerung muss weitergehen.

Besonders beeindruckend war die Online-Präsentation des Bürgermeisters von Mariupol, Wadym Bojtschenko. Er sprach über die Besetzung und die sehr schlechte Situation in seiner Stadt und die ersten Bemühungen, sie wiederaufzubauen. Mariupol hat zwischen 2014 und 2022 bereits viel erreicht, liegt derzeit aber in Trümmern. Doch Bojtschenko ist zuversichtlich, dass die Stadt besser wiederaufgebaut werden kann als zuvor.

Am meisten bewegt hat mich jedoch die Rede unseres Präsidenten Selenskij zur Eröffnung der Konferenz. Er präsentierte nicht in erster Linie Zahlen und Statistiken, sondern sprach über Werte und menschliche Tragödien. Der wichtigste Wert, den er erwähnte, war die Familie und wie sie jetzt durch den Krieg zerrissen wird. Und während er sprach, hatte ich meine eigene Familie vor Augen. Ich habe eine große Familie in Kramatorsk, die jetzt überall verstreut ist, in verschiedenen Regionen des Landes und im Ausland. Ich glaube auch, dass die Familie das Wichtigste im Leben ist.

Wie beurteilst du als Expertin für die UN-Resolution 1325 "Frauen, Frieden, Sicherheit" die Konferenz? Hat die Resolution dort eine Rolle gespielt - auf praktischer oder theoretischer Ebene? Gab es irgendwelche Bezüge oder Verweise darauf?

Nein, die gesamte Konferenz drehte sich ausschließlich um den Wiederaufbau der Ukraine. Unmittelbar nach der Rückkehr von der Konferenz trafen wir uns jedoch mit anderen NGOs, um an der zweiten Phase des aktuellen Nationalen Aktionsplans zu arbeiten. Es wurde im Jahr 2020 eingeführt und muss aufgrund des Krieges aktualisiert werden. Der wichtigste Punkt dabei ist die lokale Umsetzung.

Hat sich Lugano aus deiner Sicht gelohnt?

Ich bin besonders stolz darauf, dass mehr als vierzig Staaten und zwanzig internationale Organisationen eine Erklärung zur Unterstützung der Ukraine unterzeichnet haben. Endlich hat die Welt auf uns gehört und verstanden, dass Russland der Aggressor ist. Hätten sie dies 2014 und 2015 getan, gäbe es meiner Meinung nach heute keinen Krieg.

Die Konferenz war eine gute Gelegenheit, neue Kontakte für die humanitäre Hilfe für die Opfer in der Ukraine zu knüpfen. Wir wollen eine Anlaufstelle für Vertriebene in Lviv einrichten, die mit internationaler Hilfe einen Neuanfang ermöglicht. Meine Organisation Smarta arbeitet an einem Projekt mit, das Frauen bei der Gründung eines eigenen Unternehmens unterstützt. "Lugano hat mir Hoffnung gemacht", schrieb ich später in einem Beitrag.

Liliya Kislitsyna stammt ursprünglich aus Kramatorsk in der Ostukraine, lebt und arbeitet aber seit Beginn des Krieges in Lviv im Westen des Landes. Sie ist Vorsitzende der Frauenorganisation Smarta und Mitbegründerin der Koalition 1325 in der Region Donezk, in der 45 Organisationen der Zivilgesellschaft zusammengeschlossen sind.

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