14.01.2009

EAF unterstützt Aufruf zur Gleichstellung von Frauen in Wissenschaft und Forschung

 

Aufruf der Gäste des 3. Berliner Wissenschaftsgesprächs der Robert Bosch Stiftung

Wer um die „besten Köpfe“ wirbt, „Exzellenz“ anstrebt und sich im internationalen Standortwettbewerb behaupten will, muss die Gleichstellung von Frauen in Wissenschaft und Forschung gewährleisten:

Solange Deutschland sein Potential an qualifizierten Wissenschaftlerinnen nicht nutzt, kann von Exzellenz in Wissenschaft und Forschung keine Rede sein. Je höher die Stufen der akademischen Laufbahn reichen, desto dünner wird die Luft für Frauen. Diese Verschwendung von Talenten kann sich ein wissenschafts- und Forschungsstandort, der sich international behaupten will, nicht leisten. Forschung ist innovativer und erfolgreicher, wenn unterschiedliche Perspektiven einfließen – Vielfalt bereichert. Angesichts des demografisch bedingten Mangels an Spitzenkräften ist es höchste Zeit, Abschied von unverbindlicher Rhetorik zu nehmen. Heute geht es um eine echte Offensive zu tatsächlicher Chancengleichheit auch mit dem Instrument verbindlicher Quoten für den gleichen Zugang von Männern und von Frauen zu Wissenschaft und Forschung. Wer Qualität fordert, muss Gleichstellung ernsthaft gewährleisten.

Frauen sind in Deutschland in Wissenschaft und Forschung eklatant unterrepräsentiert. Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland hier – weit abgeschlagen – den beschämenden vorletzten Platz ein. Das ist weder gesellschaftspolitisch noch im Interesse der Wissenschaft hinnehmbar und zum Schaden aller: Es enthält einem für die Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft zentralen Bereich qualifizierte Kräfte vor; es grenzt den Radius und den Horizont von Forschungsfragen und Themen unzulässig ein; und es verstößt gegen den in der Verfassung garantierten Gleichheitsgrundsatz.

Verlust an kreativem Potential

Trotz höherer Bildungserfolge scheitern Frauen viel zu oft an wenig transparenten Förder- und Berufungsentscheidungen, die zudem an männlich konnotierten Normen ausgerichtet sind. Wer sich für eine akademische Laufbahn entscheidet, stößt bereits in der informellen Förderung im Studium auf eine Beharrungskraft ausgrenzender Strukturen, die unsere Wissenschaftskultur oft mehr bestimmen als individuelle Qualifikationen. Beim Übergang zur Promotion geht ein großer Anteil des potentiellen weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses verloren; ein weiterer Einbruch erfolgt beim Übergang zur Habilitation – und dieser Verlust setzt sich auf allen weiteren Stufen der akademischen Laufbahn innerhalb und außerhalb der Hochschulen fort. Selbst ein
sehr hoher Anteil von Studentinnen in der grundständigen Disziplin führt zu keinem höheren Anteil von Frauen an wissenschaftlichen Positionen.

Mehr Professionalität und Transparenz
Mangelnde Transparenz und fehlende Formalisierung der Stellenvergabe begünstigen die sogenannte Passfähigkeit als subkutanes Auswahlkriterium, über die eine meist männlich dominierte Berufungskommission befindet. Die herrschende Vorstellung des idealen Wissenschaftlers setzt zudem eine stereotype, nahezu grenzenlose Bereitschaft zur Verfügbarkeit als Bedingung, „Wissenschaft als Beruf“ zu betreiben. Es ist die von häuslichen Pflichten befreite männliche Normalbiographie, die hier Modell steht. Solche Selektionsmechanismen sind zum Nachteil der Wissenschafts- und Forschungslandschaft: Mit dem kreativen Potential von Frauen und auch von Männern, die dann nicht „passen“, gehen ihr Kenntnisse, Qualifikationen und Perspektiven verloren.

Kultur der Ermutigung

Wir, die Gäste des 3. Berliner Wissenschaftsgesprächs der Robert Bosch Stiftung, fordern, den anstehenden Generationenwechsel an den Hochschulen zu nutzen, um das Geschlechterverhältnis in Wissenschaft und Forschung gleichberechtigt zu gestalten. Wir wollen Frauen darin bestärken, ihre Qualifikationen in Karrieren umzusetzen, sie ermutigen, ihr berufliches Fortkommen einzufordern, sich klare Ziele zu setzen und für deren Erfüllung einzutreten.
Wir halten es für wichtig, Männer zu stärken, die Wissenschaft nicht mehr in überkommenen ständischen Strukturen, sondern in einem fairen Umfeld betreiben wollen. Wir müssen Führungskräfte stärken, die Verantwortung für Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft übernehmen wollen.

Für eine aufgeklärte Wissenschaftskultur

Wir, die Gäste des 3. Berliner Wissenschaftsgesprächs der Robert Bosch Stiftung, fordern eine Wissenschaftskultur, die sich ihrer aufklärerischen Verantwortung bewusst ist und mehr Frauen eine Karriere in Wissenschaft und Forschung ermöglicht. Das erfordert geschlechtsneutrale Berufungskommissionen, professionelle und transparente Förder- und Besetzungsverfahren und die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an allen Schlüsselgremien und Leitungsfunktionen. Um zu gewährleisten, dass bei allen dafür notwendigen Entscheidungen und Berufungen künftig immer auch nach geeigneten Bewerberinnen gesucht wird, ist eine Quote unerlässlich. Sie garantiert, dass individuelle Qualifikationen – und nicht männlich bestimmte Normen und Idealbiographien – entscheiden. Sie ist der Hebel, um die „kritische Masse“ an Frauen für wissenschaftliche Positionen einzuwerben, die „Exzellenz“ – die Rekrutierung der besten Köpfe beider Geschlechter – sichert.

  1. Wir fordern, Verfahren zur Vergabe von Positionen wie auch von Ausstattung und Mitteln zur Forschungsförderung transparent zu gestalten, Berufungen öffentlich auszuschreiben und die verlangten Qualifikationen – dem Beispiel anderer europäischer Länder folgend – formalisiert, operationalisiert und nachprüfbar zu gestalten.
  2. Die Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses darf nicht mehr auf Pfaden erfolgen, die mit hoher Unsicherheit und langer Abhängigkeit behaftet sind; das grenzt den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Hingegen sind alle tauglichen „best practises“ heranzuziehen, die Frauen und Männern eine Entscheidung für Familie und Karriere erlauben und ihnen nicht länger den Abbruch einer wissenschaftlichen Laufbahn aufnötigen oder nahelegen. Wer die Besten gewinnen will, muss intelligente Angebote an vielfältigen Laufbahnmöglichkeiten entwickeln, die tatsächlich den Besten eine Karriere in Wissenschaft und Forschung ermöglichen.
  3. Wir fordern klare Zielvorgaben zur Gleichstellung in der Forschungsförderung, bei Berufungen und anderen Personalentscheidungen sowie bei der Besetzung aller wissenschaftlichen Positionen.
  4. Kommissionen, Gremien und Beiräte müssen mit mindestens 40prozentiger Frauenquote besetzt werden, um weit mehr Frauen als heute an allen Entscheidungen in Wissenschaft und Forschung zu beteiligen. Diese Quote muss einklagbar sein und bei Missachtung mit Sanktionen geahndet werden können. Es ist höchste Zeit, die Gleichberechtigung auch in Wissenschaft und Forschung zu verwirklichen.


Unterzeichnende:

  • Prof. Dr. Susanne Baer, Professur für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien, Humboldt Universität zu Berlin
  • Nina Bessing, Leiterin des Bereichs Wirtschaft, EAF | Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V.
  • Monika Bruser, Director Corporate Communications, L’Óreal Deutschland GmbH, Düsseldorf
  • Edelgard Bulmahn, MdB, Bundesministerin a. D., Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie, Berlin
  • Dr. Adelheid Cerwenka, Gruppenleiterin, Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft, Heidelberg
  • Jutta Dalhoff, Leiterin Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS), GESIS, Bonn
  • Prof. Dr. Elisabeth de Sotelo, Vorsitzende, Deutscher Akademikerinnenbund e.V., Berlin
  • Dr. Stephanie Dittmer, kommissarische Bereichsleiterin Strategie, Helmholtz- Gemeinschaft, Berlin
  • Prof. em. Dr. Fritz Fahrni, Doppelprofessur für Technologiemanagement und Unternehmensführung, ETH Zürich und Universität St. Gallen (HSG), Schweiz
  • Prof. Dr. Christine Färber, Vertretungsprofessorin an der Fakultät LifeScience, Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Prof. Dr. Bärbel Friedrich, Professorin für Mikrobiologie, Humboldt Universität zu Berlin
  • Harald Grosser, ehem. Country Manager Deutschland, Russell Reynolds Associates, Hamburg
  • Dr. Maren Jochimsen, Generalsekretärin, European Platform of Women Scientists, Brüssel
  • Dr. Edit Kirsch-Auwärter, Gleichstellungsbeauftragte, Universität Göttingen
  • Marion Knaths, Inhaberin, sheboss – Führungsseminare von Frauen für Frauen, Hamburg
  • Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts a. D., ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts
  • Erika Mann, MEP, Brüssel
  • Prof. Dr. Mary Osborn, Göttingen
  • Prof. Dr. Heide Pfarr, Geschäftsführerin, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf
  • Prof. em. Dr. Dr. h.c. Ernst Th. Rietschel, Berlin
  • Prof. em. Dr. Hedwig Rudolph, ehem. Direktorin der Abteilung Internationalisierung und Organisation, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Berlin
  • Krista Sager, MdB, Mitglied des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzungen, Berlin